Walter Ritter

RitterRitter_klein

OHNE TITEL, ca. 1970–1980
Aquarell und Tusche auf Papier, 29,5 x 20,8 cm
Stiftung Dr. Hellmut und Norli Czerny, Graz

Eine junge Frau schreitet eine Treppe herunter. In der Hand hält sie einen Stab oder eine Gerte. Ein Hund eilt ihr voraus und blickt lebhaft zurück. Vermutlich sind beide soeben dabei, einen Spaziergang zu unternehmen.
Die gegenläufige Treppe zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Sie schlängelt sich wie eine Girlande durch das Bild und fungiert als Bühne, auf der die junge Dame ihren Auftritt wirkungsvoll in Szene setzt. Drei säulenartige Stützen festigen die Komposition und bringen Stabilität ins Bild. Stilistisch scheint das Treppenhaus zu einem Stadtpalais aus dem späten 19. oder beginnenden 20. Jahrhundert zu gehören.
Im vorliegenden Aquarell schimmert die Lineatur der Bleistiftzeichnung durch die farbigen Lasuren hindurch. Die Linien sind schwungvoll gezogen, die perspektivischen Verkürzungen sehr gekonnt. Das Blatt zeigt den virtuosen Stil eines Künstlers, der über große Übung im raumplastischen Gestalten und in der Aquarellpraxis verfügt. Die Wahl der eleganten Kleidung der Frau samt Hut sowie ihre effektive Inszenierung auf der Treppe dürften aus Ritters Affinität für das Zirkusmilieu resultieren.

Walter Ritter ist in Oberösterreich in erster Linie als ehemaliger Lehrer an der Kunstschule sowie als Bildhauer bekannt. Viele seiner Skulpturen wurden als Kunst-am-Bau-Projekte oder im öffentlichen Raum realisiert (siehe Biografie).
Zeichnungen begleiteten ihn durch alle Schaffensperioden. Blätter aus den 1930er-Jahren sind großfigurig und ornamental und lassen einen Einfluss von Henri Matisse erkennen. Häufig zeichnet Ritter Porträts seiner Freunde und Zeitgenossen. Diese Papierarbeiten dürften als Vorlagen für seine Porträtplastiken gedient haben. 1954 entstand eine Reihe von 80 Schablonenschnitten (Papierbatiken) zu Homers Odyssee. In den 1970er-Jahren zeichnete Ritter Harlekine, Akrobaten und Dompteure in Vorbereitung einer großen bronzenen Zirkusplastik (1976), die sich heute in Privatbesitz befindet.
Wie vergleichbare Blätter aus der Neuen Galerie Graz[1] zeigen, dürfte das vorliegende Blatt aus einer Serie von Aquarellen stammen, die ebenfalls in den 1970er-Jahren entstanden ist. 1978 stellte Ritter eine Serie von Federzeichnungen in der Hypo-Galerie Linz aus. Zu sehen waren einfache architektonische Studien, Aktzeichnungen, eine Serie von Kaffeehausszenen und Bilder aus der Welt von Zirkus und Theater. Damals zog sich der Künstler immer mehr aus dem öffentlichen Geschehen zurück. Grund dafür war eine schwere Erkrankung. Ritters Fokus lag zuletzt auf einer Serie von Faserstiftzeichnungen, die in Anlehnung an die Totentanzthematik variantenreich die Konfrontation des Menschen mit dem personifizierten Tod veranschaulicht.
„Sind die Tiere bei Walter Ritter immer ‚erdgebunden‘, wirken seine Zeichnungen ‚gelöst‘, spielerisch und von einer oft grazil-tänzerischen Leichtigkeit. Es sind typische Plastiker-Zeichnungen. Der Schwung der Linien geht von Ruhepunkten aus, von denen er aus dem zweidimensionalen Blatt in den Raum vorstößt. […] Die leicht getuschten Blätter haben von Natur aus größere Körperhaftigkeit. […] Zu den Themen des Künstlers zählen der Künstler vor seinem Modell, das Liebespaar auf einer Bank, die Phantasielandschaft, der Zirkus mit seiner geheimnisvollen Ausstrahlung […].“[2]

Provenienz
Das Aquarell kam als Schenkung Dr. Hellmut Czernys im Dezember 2008 an das LENTOS Kunstmuseum Linz.

Biografie
1904: geboren in Graz als Sohn des Kaufmanns Josef Ritter und seiner Frau Gisela
1918–1921: Besuch der Handelsakademie in Graz
1921–1925: Besuch der Kunstgewerbeschule Graz bei Wilhelm Gösser. Während einer Deutschlandreise im Jahr 1923 lernt Ritter die Bronzereliefs an den Türen des Hildesheimer Domes kennen, die ihn maßgeblich beeinflussen
Ab 1925: Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Josef Müllner und Anton Hanak. Studienreise gemeinsam mit Herbert Eichholzer, Ferdinand Bilger, Franz Wulz, Franz Stolba und Wilhelm Ronnicke nach Abessinien (dem heutigen Äthiopien), wobei ihn die koptische Malerei besonders beeindruckt
1928: Ritter verlässt die Akademie ohne Abschluss. Es entstehen kunstgewerbliche Arbeiten in der Tradition der Wiener Werkstätten. Der Künstler arbeitet zudem für die Wiener Keramikfabrik
1933: Übersiedlung von Wien nach Graz, wo Ritter Mitglied der Sezession wird. Der Künstler wird ein gefragter Porträtist
1934: Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises für ein Kruzifix, das für die Pfarrkirche St. Erhard in Mauer bei Wien erworben wurde. Regelmäßige Ausstellungen in der Grazer Sezession
1935: Beteiligung an der Gestaltung des österreichischen Pavillons der Pariser Weltausstellung
1938: Übersiedlung nach Berlin. Ritter erhält kleinere Aufträge
1939: Aufnahme in die Reichskulturkammer. Rückkehr nach Graz. Beteiligung an der Widerstandsgruppe um Herbert Eichholzer
1940: Einziehung zum Militärdienst
1943: Frontdienst im Kaukasus. Schwere Erkrankung, gerät in englische Gefangenschaft
1946–1948: Lehrer an der Grazer Ortweinschule: Leitung der Abteilung Holz- und Steinbildhauerei für die ersten Jahrgänge. Aufträge zur Neugestaltung der beschädigten Fassade des Grazer Opernhauses und des Taubenbrunnens am Grazer Schlossbergplatz
1948: Ausstellung gemeinsam mit Alfred Wickenburg in der Wiener Galerie Agathon. Berufung zum Lehrer an der Linzer Kunstschule und Übersiedlung nach Linz
1949: Ausstellung in der Neuen Galerie der Stadt Linz im Rahmen der 24. Ausstellung der Sezession Graz. Beteiligung an der Ausstellung Die Lehrer der Kunstschule der Stadt Linz
In den 1950er Jahren arbeitet Ritter als Lehrer, Zeichner, Grafiker und Bühnenbildner. Im regionalen Umfeld erhält der Künstler seit Beginn der 1950er-Jahre zahlreiche Aufträge, die als Kunst am Bau realisiert wurden.
1951: Gestaltung des Ehrengrabes des Linzer Bürgermeisters Josef Gruber. Relief für die Fassade des Märzenkellers in Linz
1952: Wiedergründung der Künstlervereinigung MAERZ, deren Mitglied Ritter wird. Seine Arbeiten sind fortan oft in MAERZ-Ausstellungen zu sehen. Gänselieslbrunnen am Südbahnhofmarkt, Liegender Jüngling in der Harbachschule, Kriegerdenkmal in Eferding
1954: Neptunbrunnen auf der Linzer Gugl
Ab Mitte der 1950er-Jahre werden Ritters Werke auch im Ausland ausgestellt, unter anderem in Rom, Amsterdam und auf der Biennale in São Paulo.
1956: Kriegerdenkmal in Schärding, Spielplastiken für den Linzer Schlossberg, Gockelhahn für das Kinderkrankenhaus Linz. Einzelausstellung in der Neuen Galerie der Stadt Linz mit dem Titel Walter Ritter – Plastik – Graphik
1957: Ausgestaltung der zum Teil neu erbauten Linzer Kammerspiele mit einem Zyklus von Terrakottaplastiken im Foyer
1958: Bronzetür für die Linzer Martinskirche
Ab 1960: Ziegelrelief für die Schule am Linzer Bindermichl, Schmuck für die Kirche Wien-Hietzing. In den folgenden Jahren Basrelief, Triumphkreuz und Bronzetüren für die Kirche in Salzburg-Herrnau. Seit Mitte der 1960er-Jahre regelmäßige Beteiligung an den Ausstellungen der Grazer Sezession
1963: Teilnahme an der 7. Biennale in Middelheim (NL)
1964: anlässlich des sechzigsten Geburtstags des Künstlers große Personalausstellung in der Neuen Galerie der Stadt Linz unter dem Motto Walter Ritter – Plastiken und Terrakotten aus den letzten zehn Jahren. Verleihung des Adalbert-Stifter-Preises des Landes Oberösterreich
1965: Kreuzweg und Auferstehung für die Kirche der Heiligen Familie in Wien
1966: Altarwandgestaltung der Kirche zum Heiligen Johannes in Linz, Neue Heimat
1967: Arbeiten für St. Severin in Linz
1968: Arbeiten in Pöllau
1970: Ziegelrelief für die Ziegelfabrik Leitl in Eferding
1973: Beendigung der Lehrtätigkeit an der Linzer Kunstschule
1974: Ausstellung in Berlin gemeinsam mit Vilma Eckl, Fritz Fröhlich, Hannes Haslecker, Ludwig Schwarzer und Anton Watzl unter dem Titel 6 Künstler aus Linz
1975: Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst
Ende der 1970er-Jahre kann Ritter nur mehr wenig produzieren, da er schwer erkrankt ist. Es entstehen aber neue Skizzen, Federzeichnungen, Bronzen und Terrakotten.
1980: Drei Flötenspielerinnen (1980 gegossen, Entwurf von 1963) werden in unmittelbarer Nähe des Linzer Brucknerhauses aufgestellt
1986: Walter Ritter stirbt in Linz nach schwerer Erkrankung im Alter von 82 Jahren
1990: große Gedächtnisausstellung in der ehemaligen Linzer Kunstschule (heute Kunstuniversität Linz)

Das LENTOS Kunstmuseum Linz verfügt über eine umfangreiche Sammlung an figürlicher Plastik des Künstlers. Diese wurde dem Museum 1981 in Form einer großzügigen Stiftung des Künstlers übereignet. Es handelt sich dabei unter anderem um Modellfiguren, wie Ritter sie als Anschauungsmaterial in der Linzer Kunstschule verwendete. Ritter hatte eine Vorliebe für gegenständliches Gestalten in der Tradition ägyptischer bzw. griechisch-archaischer Plastik und Skulptur. Eine dominante Rolle in Ritters Motivrepertoire nehmen neben Jongleuren und Porträtdarstellungen mythologische Wesen (Harpyien, Kentauren, Sirenen, Faune) ein.
Eine besondere Bedeutung kommt Walter Ritter als Begründer einer regionalen Bildhauerschule in Linz zu. Zu seinen Schülern zählten oberösterreichische Künstler wie Peter Dimmel, Josef Fischnaller, Hannes Haslecker, Josef Huber, Thomas Pühringer und Erich Ruprecht.

Literatur
Caroline Brunner, Walter Ritter. 1904–1986, Diplomarbeit, Graz 2005.

Albert Müller, Der Bildhauer Walter Ritter (= Kunstjahrbuch der Stadt Linz 1981), Wien und München 1981.

Walter Ritter. Plastik, Graphik, Ausstellungskatalog, Linzer Schloss (= Kataloge des oberösterreichischen Landesmuseums, Nr. 77), Linz 1972.

Walter Ritter. Plastik, Graphik, Ausstellungskatalog, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz 1969.


[1] Die Aquarelle Dame mit Hund und Sonnenschirm und Dame auf Terrasse unter Sonnenschirm (beide Neue Galerie Graz) stammen aus den 1970er-Jahren.
[2] Norbert Langer, in: Walter Ritter. Plastik, Graphik, Ausstellungskatalog, Linzer Schloss, Linz 1972, o. S.