Sophie Beisskammer

Beisskammer Sophie, _A Westernized model_

Sophie Beisskammer
A WESTERNIZED MODEL, 7.6.2011
Schwarzer Filzstift und Buntstifte auf Papier
Erworben mit Mitteln der Galerienförderung 2012

Blackman_272

Pater Sato
ZEICHNUNG, ca. 1980, Privatsammlung,
abgebildet in: Cally Blackman, Mode-Zeichnungen,
München 2009, S. 259.

In einer vor ein paar Jahren entstandenen Grafikserie arbeitete die Gmundner Art-Brut-Künstlerin Sophie Beisskammer nach Modezeichnungen. Die Vorlagen fand sie in Cally Blackmans Buch 100 Years of Fashion Illustration. Die Zeichnung A Westernized model aus dieser Serie widerspiegelt eine Auseinandersetzung mit einer Modezeichnung des japanischen Künstlers Pater Sato (1945–1994) aus dem Jahr 1980.

In Satos Zeichnung trägt ein westliches Model ein tief ausgeschnittenes gelbes Kostüm. Rosafarbene und rote Rosen scheinen aus dem Dekolleté herauszufallen und verleihen der Darstellung einen Touch von Lebendigkeit und Sinnlichkeit.
Die frühen 1980er-Jahre waren, global gesehen, von einem starken Wirtschaftsboom gekennzeichnet. Ein Trend der damaligen Mode war – ganz passend zur gesellschaftlich-wirtschaftlichen Grundstimmung der Zeit – das sogenannte Powerdressing – ein Kostüm mit kurzem Rock und stark gepolsterten Schultern. Es erinnert Cally Blackman „an den Glamour der Vierzigerjahre und kombinierte Sex und Business“[1].

Sophie Beisskammer zeigt in ihrer Zeichnung nicht nur das Mannequin im gelben Kostüm. Sie fügte auch den in dem Buch abgedruckten englischsprachigen Kommentar der Modeexpertin Blackman handschriftlich hinzu.[2] Durch die verschiedenfarbigen Streifen hinter den Textzeilen beginnen diese mit der figuralen Darstellung zu korrelieren. Die figürliche Komposition setzt sich auf Beisskammers Blatt gegen ein unbehandeltes Weiß, den Papiergrund selbst, ab, ganz im Gegensatz zu Satos in Braunnuancen ausgeführter Hintergrundgestaltung. Die Gmundner Künstlerin verzichtet hingegen auf jegliche Lichtmodulation. Auf Konturlinien und Farbfelder reduziert, bindet sich Beisskammers figurale Darstellung daher stark in die Bildfläche zurück.
Ein weiterer Unterschied fällt auf: Da aus Satos originalem Hochformat bei Beisskammer ein Querformat wurde, erhält die weibliche Figur nun mehr Raum zum Atmen. Die Arme – in der Modezeichnung von den seitlichen Bildrändern abgetrennt – werden auf Beisskammers Blatt deshalb komplettiert.

Während wir von Pater Satos Zeichnung lediglich das ungefähre Entstehungsjahr kennen, datiert Beisskammer ihre Zeichnung mit dem genauen Datum „7.6.2011“. Sato verzichtet außerdem auf eine sichtbare Anbringung der Signatur, während die Gmundner Künstlerin mit ihrem Vornamen „Sophie“ am rechten unteren Bildrand ihre Autorschaft ausdrücklich bekundet.

Beisskammers aufgerührter Zeichenstrich (vor allem an den Unterarmen der Frauendarstellung sichtbar) lässt darauf schließen, dass die Künstlerin den Filzstift mehrmals absetzte und innehielt. In ihrer Arbeit zeigt sich ein charakteristisch-individueller Duktus, der sich deutlich von der nüchtern-haptischen Schilderung Pater Satos absetzt.
Die in Schreibschrift ausgeführten Erläuterungen Blackmans mutieren zu einer polychrom hinterlegten Arabeske, die dem Model als ornamentierter Sockel dient. Das Bild und seine Deutung werden damit in einen anderen Kontext überführt. Wer den Hintergrund der Entstehung nicht kennt, sieht in der Arbeit vielleicht so etwas wie ein Comic: aus der ehedem gedruckten Erläuterung zur Zeichnung wurde ein Teil der Komposition.

Beisskammers Zeichnung rekurriert wie bereits erwähnt auf mehrere Inspirationsquellen. Ist ihre Zeichnung dennoch authentisch und ein Original, obwohl sich die Künstlerin ganz offensichtlich und vermutlich mit wenig kritischer Distanz einer Vorlage bediente? Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Autorschaft, Authentizität und Originalität eines Werks ist nach Stefan Römer, einem ausgewiesenen Spezialisten für zeitgenössische Kunst, ein Kennzeichen der Appropriation Art.[3] Während diese jedoch die strategische Aneignung fremder Bildlichkeit voraussetzt, ist der Zugang der Gmundner Künstlerin zum Original deutlich weniger kalkuliert. In Beisskammers Zeichnung fühlt man sich eher geneigt zu fragen, weshalb uns die Frau wohl so traurig anblickt.

Die beiden Zeichnungen wenden sich an unterschiedliche Publikumsschichten. Satos Zeichnung ist zweckgebunden, basierend auf dem Vorhaben einer möglichst effektvollen Präsentation des Kostüms: Der japanische Modezeichner hebt das Kleidungsstück werbewirksam hervor. Seine Zeichnung fällt in die Kategorie der angewandten Kunst. Beisskammers Zeichnung wird hingegen nicht von kommerziellen Aspekten getragen. Die Persönlichkeit der Dargestellten rückt stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit als ihr Outfit. Die sensible Studie lässt den Wunsch nach Schönheit, die kritische Hinterfragung der eigenen Person in den Vordergrund treten.

Biografie
1988: geboren
Seit 2009: hauptberuflich in der Kunstwerkstatt Gmunden der OÖ. Lebenshilfe tätig
2011: Ausstellung 99+9 Fragen an mich in der Martin-Luther-Kirche Linz gemeinsam mit Margarethe Bamberger

Provenienz
Die Grafik war Teil einer Ausstellung in einer oberösterreichischen Galerie. Sie wurde 2012 mit Mitteln der Galerienförderung erworben.

Appropriation Art
„Strategische Aneignung (Appropriation) von fremder Bildlichkeit […] Ihre Strategie ist letztlich eine kritische Reflexion der künstlerischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Kunst. […] Appropriation relativiert die (männlichen) Mythen der Moderne – die Begriffe der Autorschaft, Authentizität, Originalität und die Hierarchie zwischen hoher und populärer Kultur.“[4]

Art Brut
„Bezeichnung, die der Maler Jean Dubuffet für die spontanen, unreflektierten, aus dem Unbewussten sich nährenden künstlerischen Ausdrucksformen von Geisteskranken, Kindern oder Laienmalern fand. Diese dem professionellen Stilwillen des Künstlers entgegengesetzten, ,anti-künstlerischen‘ Ausdrucksformen der Art brut, die Dubuffet jedoch als schöpferische, wahre Kunst anerkannte und proklamierte, hat er selber als bewusste Stilelemente in seine eigene Arbeit übernommen. Sie wurden von vielen Künstlern aufgegriffen.“[5]

Literatur
Cally Blackman, Mode-Zeichnungen, München 2009.

DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, hg. v. Hubertus Butin, Köln 2002.

99 + 9 Fragen an mich. Margarethe Bamberger, Sophie Beisskammer u. Ferdinand Reisenbichler, hg. v. d. Kulturinitiative Narrenschyff, Leonding 2012.



[1] Cally Blackman, Mode-Zeichnungen, München 2009, S. 259.
[2] Auf Deutsch übersetzt lautet er: „Pater Sato, Zeichnung ca. 1980. Privatsammlung. Sato, ein Absolvent des Sensu-Mode-Seminars in Japan, war in den Achtziger- und Neunzigerjahren in seiner Heimat sehr erfolgreich. 1985 koordinierte er Fashion Illustration in New York. Hier trägt ein westliches Model ein auf Figur geschnittenes Kostüm mit einem tiefen Ausschnitt, der mit Rosen gefüllt ist.“
[3] Stefan Römer, „Appropriation Art“, in: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, hg. v. Hubertus Butin, Köln 2002, S. 15–18, hier S. 17.
[4] Ebd.
[5] DuMonts Kunstlexikon des 20. Jahrhunderts. Künstler, Stile und Begriffe, hg. v. Karin Thomas, Köln 2000, S. 28f.