Silvia Koller

SITZENDES MÄDCHEN,1926
Farbkreide und Kohle auf Papier

Ein Mädchen sitzt auf einem Bett, zu Boden blickend. Die Schuhe hat es ausgezogen und neben den Füßen abgestellt. Auf ihrer horizontalen Sitzunterlage scheint die aufrecht Sitzende, die visuell wie ein kompositioneller Querriegel wirkt, geradezu „festgezurrt“. Die dunklen Kleider, die die junge Frau trägt, heben sich von der gestreiften Bettdecke gut ab. Die perspektivisch verkürzten roten Farbstreifen und die mächtigen Objekt- und Schlagschatten deuten räumliche Plastizität an.

Die Hände hält das Mädchen verschränkt und ihre Beine sind übereinandergeschlagen. Seine Körperachse ist mehrfach gedreht, als wäre der Leib verknotet, wodurch eine bewegte, aber dennoch geschlossene Konturlinie entsteht. Das Mädchen scheint sich nach außen hin sehr zurückzunehmen, innerlich aber unter Spannung zu stehen. Die Szenerie gewinnt an Bedrohlichkeit, wenn wir den mächtigen Schlagschatten links hinter der Figur mit in die Bildbetrachtung einbeziehen. Die roten Streifen der Bettdecke unterstreichen die Dramatik der dargestellten Situation zusätzlich, denn sie können leicht mit Blut assoziiert werden. Vielleicht ist das pubertierende Mädchen nicht allein im Zimmer. Irgendjemand könnte anwesend sein, der es zu dieser verkrampften Haltung veranlasst.

Die Zeichnerin dieser Szenerie, Silvia Koller, stammte aus einer gutbürgerlichen altösterreichischen Familie. Zwar in Nürnberg geboren, lebte sie jedoch hauptsächlich mit ihrer Familie in Oberwaltersdorf bei Baden. Ihre Mutter Broncia Koller-Pinell (1863–1934) stammte aus Galizien und war selbst eine anerkannte Malerin. Der Vater Hugo Koller war ein Wiener Arzt und Physiker.
Durch den Bericht von Zeitgenossen ist bekannt, dass Broncia Koller-Pinell eine sehr dominante Rolle im Leben ihrer Tochter spielte. Sie „war eine sehr typische und auch bewußte Erscheinung des großen österreich-ungarischen Vielvölkerstaates mit all seiner von Josef Roth so unvergleichlich geschilderten Typenvielfalt. Geboren in den Kronlanden, also dort, wo man laut Rot am österreichischsten war, zugezogen aus den Randgebieten der Monarchie in deren Zentrum nach Wien, stammend aus alter galizisch-jüdischer Familie, streng erzogen im mosaischen Glauben der Väter, traf sie in der Person ihres Mannes auf den typischen Vertreter alter österreichischer gehobener Mittelstandstradition, mit der Strengheit des Katholizismus und den Vorurteilen gegen Andersartige.“[1]

Silvia Kollers bevorzugte Bildthemen waren Landschaften, Veduten, Porträts, Stillleben und Tierdarstellungen. Aus ihrem Œuvre befinden sich 15 Werke im Bestand des LENTOS Kunstmuseum Linz. Sie vermitteln uns ein Bild der Künstlerin als gefragte Porträtistin von Damen der Wiener Gesellschaft und ihren Kindern. Die Zeichnungen künden von einem überaus feinen Gespür für die subtile Erfassung des individuellen Charakters der jeweils dargestellten Person. Silvia Koller zeichnete in großem Realismus und vermied jegliche Beschönigungen. Ihre Modelle haben immer einen ernsten Ausdruck, wenden häufig ihren Blick vom Betrachter ab oder wirken auf eigenartige Weise distanziert, als wäre da eine unsichtbare Barriere zwischen der dargestellten Person und den Betrachtern. Die Künstlerin vermeidet alle Schnörkel und legt den Fokus auf die Erfassung des individuellen Gesichtsausdrucks.

Silvia Kollers Porträts sind feinsinnige Charakterstudien, die den Vergleich mit Werken ihrer Mutter nicht zu scheuen brauchen. Der österreichische Musikhistoriker und Schriftsteller Paul Stefan (1879–1943) verfasste im Jahr 1933 einen Artikel über Broncia und Silvia Koller. Obgleich er Frauen als Künstlerinnen grundsätzlich eher negativ gegenüber stand – „Es läßt sich nicht leugnen, daß die Frau besser Objekt, Modell der Malerei gewesen ist als, allgemein gesprochen selbst Malerin.“ –, fand er zu Silvia Kollers künstlerischem Schaffen doch recht zustimmende Worte: „Silvia kostet die Neigung einer jüngeren Generation zu schärferem Durchdenken aus. Sie hat ein Programm. Unbewußtes durch die beherrschte Technik ins Bewußte umzusetzen.“[2]

Das Haus der Eltern von Silvia Koller in Oberwaltersdorf bei Baden war ein beliebter Treffpunkt der berühmtesten Wiener Künstler der Zeit. Schon im Kindesalter lernte sie dadurch Egon Schiele, Gustav Klimt und Kolo Moser kennen. Alle drei Künstler verstarben 1918, dem Jahr, das nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs, sondern auch das Ende der Habsburgermonarchie brachte.
Düstere Gedanken beschäftigten ihre Mutter, wie aus den Tagebucheinträgen jener Zeit geschlossen werden kann: „Wir leben in einem Zustand, wie Wotan seine Dämmerung erkennt und wie oft habe ich bei Wagner das alles in der Oper empfunden, was nun über uns kommt. Hat es jetzt einen Sinn, Erholungsheime und Kurorte aufzusuchen, wenn bald der letzte Akt der Götterdämmerung drankommt?“[3]
Die vorliegende Mädchendarstellung zeigt ganz offenkundig Silvia Kollers Schulung an Werken Egon Schieles, was die expressive Körperhaltung anbelangt.

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Auch auf Edvard Munchs Gemälde Pubertät (1895) wird in der Zeichnung angespielt. Die rhythmische Gliederung der Komposition durch den Wechsel von hellen und dunklen, warmen und kalten Farbtönen lässt zudem einen Einfluss Kolo Mosers erkennen. Die eher nachdenkliche Gesamtstimmung in distanzierter Atmosphäre weist allerdings eindeutig in Richtung Neue Sachlichkeit.

Broncia Koller-Pinell orientierte sich ab 1921 stark an Carl Hofer und Tendenzen der Neuen Sachlichkeit. Auch ihre Tochter schickte sie zum Studium zu dem bekannten Vertreter dieser neuen Stilrichtung nach Berlin – die Neue Sachlichkeit ist der Stil der 1920er-Jahre.
Der deutsche Kunsthistoriker Wieland Schmied (1929–2014) charakterisierte die Kunst der Neuen Sachlichkeit durch fünf entscheidende Momente: „(1) Die Nüchternheit und Schärfe des Blicks, eine unsentimentale, von Emotionen weitgehend freie Sehweise; (2) die Richtung des Blicks auf das Alltägliche, Banale, auf unbedeutende und anspruchslose Sujets, die fehlende Scheu vor dem ‚Häßlichen‘; (3) einen statisch festgefügten Bildaufbau, der oft einen geradezu luftleeren gläsernen Raum suggeriert, die allgemeine Bevorzugung des Statischen vor dem Dynamischen; (4) die Austilgung der Spuren des Malprozesses, die Freihaltung des Bildes von aller Gestik und Handschrift; und (5) schließlich durch eine neue geistige Auseinandersetzung mit der Dingwelt.“ [4]

Dem Stil der Neuen Sachlichkeit näherte sich Silvia Koller im Laufe ihres künstlerischen Schaffens mehr und mehr an. Sie konzentrierte sich auf die tiefgründige psychologische Durchdringung ihrer Porträts – und insofern können wir dem Zeitgenossen Paul Stefan durchaus beipflichten. Das Bewusste und das Unbewusste – die Entwicklung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud vollzog sich ebenfalls im Wien zur Zeit des Fin de Siècle und war ein reicher Nährboden für eine sensible Künstlerin wie Silvia Koller.

Als Halbjüdin hatte die Künstlerin während des Zweiten Weltkriegs schwere Zeiten zu überstehen. Nach dem Krieg musste sie sich zunächst um ihren schwer kranken Vater kümmern und hatte vorerst keine Muße für künstlerische Betätigung. Erst 1953 – als Kokoschka die „Schule des Sehens“ in Salzburg etablierte – kam die 55-Jährige wieder zur künstlerischen Betätigung. Aus dieser Zeit sind zwei sehr frische Aquarelle im Bestand des LENTOS vorhanden, die belegen, dass Silvia Koller eine hervorragende Aquarellistin war, die auch in ihrem Alterswerk etwas zu sagen hatte. Hier geht es weniger um psychologische Studien, sondern um einen reduktiven Ansatz in der Umsetzung, der den dünnen Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion auslotet. Silvia Koller ist eine Künstlerin, die es noch zu entdecken gilt.

Provenienz
Die Zeichnung wurde aus Wiener Privatbesitz im Juli 1982 erworben.

Biografie
1898: Silvia Koller wird am 26. August in Nürnberg als Tochter der Malerin Broncia Koller-Pinell und des Physikers und Mediziners Hugo Koller geboren. Ihr Vater arbeitet in dieser Zeit in der Nürnberger Niederlassung der Schuckertwerke (Elektrotechnikfirma).
1903: Übersiedlung nach Wien.
1904: Die Eltern übernehmen das Gut Oberwaltersdorf in der Nähe von Baden aus dem Nachlass des 1903 verstorbenen Großvaters Saul Pineles. Auf der Suche nach einem Künstler, der das Grabmal von Saul Pineles gestalten könnte, stößt Broncia Koller-Pinell auf Kolo Moser. Der Wiener Maler und Kunsthandwerker wird ein Freund der Familie sowie künstlerischer Mentor und Lehrer von Silvia Koller.
1905: Der freundschaftliche Kontakt der Familie Koller zum Wiener Künstlerkreis um Kolo Moser, Josef Hoffmann, Gustav Klimt, Emil Orlik, Michael Powolny, Friedrich König, Adolf Böhm, Franz von Zülow und Albert Paris Gütersloh verdichtet sich. Auch die Komponisten Gustav Mahler und Paul Hindemith sowie der Opernautor Julius Bittner weilen häufig im Hause der Kollers.
1907: Broncia Koller-Pinell malt ihre Tochter Silvia an einem Vogelkäfig stehend.
1914–1918: Silvia Koller nimmt an den berühmten Kinderkursen von Franz Čižek teil. Sie setzt ihre Ausbildung an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Kolo Moser fort, wird Schülerin von Egon Schiele und Mitglied im Bund Österreichischer Künstler, an dessen Ausstellungen sie sich beteiligt.
1918: Egon und Edith Schiele erholen sich in Oberwaltersdorf. Egon Schiele porträtiert Hugo Koller und zeichnet seine beiden Kinder Silvia und Rupert. Silvia zeichnet gemeinsam mit Edith Schiele.
Ab 1919: Silvia übersiedelt nach Berlin und studiert an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin bei Carl Hofer.
1921: Der Bruder Rupert Koller heiratet Anna, die Tochter von Gustav und Alma Mahler.
1923: Umbau der Wohngebäude der Familie Koller in Oberwaltersdorf nach Entwürfen von Josef Hoffmann; die Einrichtung entsteht in Zusammenarbeit mit Kolo Moser.
1924: Besuch Carl Hofers in Oberwaltersdorf. Der deutsche Künstler porträtiert Broncia Koller.
1924: Silvia Koller übersiedelt nach Genf. Die angehende Künstlerin studiert bei dem Schweizer Maler Alexandre Blanchet, dessen Werk nachhaltig von Paul Cézanne und dem Kubismus geprägt ist. Anschließend reist Silvia Koller nach Paris weiter, wo sie Werke der französischen Impressionisten, von Pierre Bonnard, Édouard Vuillard sowie von Vincent van Gogh und Paul Gauguin kennenlernt.
1925: Ausstellung auf der VI. Kunstschau des Bundes Österreichischer Künstler im Wiener Künstlerhaus.
1934: Die Mutter stirbt in Oberwaltersdorf.
1937: Silvia übersiedelt nach Oberwaltersdorf.
1948: Tod des Vaters in Oberwaltersdorf. Silvias Bruder Rupert verkauft nach und nach die wertvollen Bestände des Gutes. Silvia zieht sich bis 1952 gänzlich aus dem Kunstbetrieb zurück.
Ab 1953: Teilnahme an den von Oskar Kokoschka geleiteten Kursen anlässlich der Salzburger Sommerakademie.
1961: Ausrichtung einer Gedächtnisausstellung für Broncia Koller-Pinell in der österreichischen Staatsdruckerei. Albert Paris Gütersloh hält die Eröffnungsrede.
1963: Tod Silvia Kollers am 23. September in Oberwaltersdorf.

Literatur
Paul Stefan, Die Malerin. Broncia und Sylvia Koller, in: Profil, 1 (April 1933), S. 129–132.

Heinrich Fuchs, Die österreichischen Maler der Geburtsjahrgänge 1881–1900, Bd. 1, A–L, Wien 1976, S. K 139.

Die Malerin Broncia Koller. 1863–1934, Ausstellungskatalog des NÖ Landesmuseums, Wien 1980.

Österreich – 20. Jahrhundert. Künstlerinnen. Ericka Giovanna Klien, Broncia Koller, Birgit Jürgenssen, Elfriede Trautner, Barbara Pflaum, Ausstellungskatalog der Neuen Galerie der Stadt Linz, Linz 1983.

Kunst des 20. Jahrhunderts. Bestandskatalog der Österreichischen Galerie in Wien, Bd. 2: G–K, Wien 1995, S. 254.

Wieland Schmied, Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus in Deutschland 1918–1933, Hannover 1969, S. 26.
Fußnoten
[1] Walter Beyer, „Wer war Broncia Koller? Zum Werk einer bedeutenden Künstlerin“, in: Die Malerin Broncia Koller. 1863–1934, Ausstellungskatalog des NÖ Landesmuseums, Wien 1980, S. 10–17, hier: S. 14.
[2] Paul Stefan, „Die Malerin. Broncia und Sylvia Koller“, in: Profil, 1 (April 1933), S. 129–132, hier S. 129.
[3] Ebd., S. 14.
[4] Wieland Schmied, Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus in Deutschland 1918–1933, Hannover 1969, S. 26.