Rudolf Jettmar

G 4927-f

Abels Tod aus der Mappe „Byrons Kain“, 1920
Radierung auf Büttenpapier,
33 x 46,2 cm (19,5 x 26 cm)

Kain und Abel – der biblische Mythos. Als der Wiener Grafikkünstler Rudolf Jettmar die Serie radierte, stand er selbst noch unter dem Schock der Geschehnisse des kurz zuvor zu Ende gegangenen Krieges, der Österreich von einem Vielvölkerstaat zu einer kleinen Republik schrumpfen ließ. Der begnadete Zeichner fand ein biblisches Pendant zu dem, was ihn innerlich bewegte.
Das grafische Blatt stammt aus einer Mappe mit acht Radierungen, die den Titel Byrons Kain trägt. Ein Jahr lang arbeitete Jettmar intensiv an den Blättern: „Das Reclam-Bändchen, durch das er Lord Byrons Mysterium Cain kennen lernte, ist erhalten geblieben, mit Anstreichungen und Randnotizen, die zu dem radierten Zyklus (1919/1920) hinüberführen – dem zweifellos bedeutendsten, den Jettmar geschaffen hat“ (1),  berichtet sein Sohn Karl Jettmar, der das Erbe des Vaters verwaltet.

Entsprechend der biblischen Schilderung ermordet Kain, der Ackerbauer, seinen Bruder, den Hirten Abel, da Gott dessen Gabe seiner vorzog (2).  Kain war somit der erste Mörder, den Bibel und Koran anführen. Weshalb hat Gott das Fleischopfer Abels angenommen, das Getreideopfer Kains hingegen zurückgewiesen? (3)
Das, was Kain fehlte, war, erklärt Hans H. Hofstätter, die „innere Demut“ (4) . Der Schweizer Kunsthistoriker schildert den Fortgang der Geschichte folgendermaßen: „Gott nimmt deshalb sein Opfer nicht an und Abel bedrängt Kain, es mit Demut zu wiederholen. Zwischen dem unabdingbaren gläubigen Abel und Kain kommt es zu einer Auseinandersetzung, bei der Kain mit einem Schlag Abel niederstreckt – ohne sich der Folgen bewusst sein zu können, da es zuvor keinen Tod auf der Erde gegeben hatte.“ (5)  Kain wird von seinen Eltern daraufhin verflucht. Gemeinsam mit seiner Frau gerät der Verstoßene in Jettmars Radierfolge in eine öde, felsige Landschaft. Das letzte Blatt des Zyklus zeigt sodann, wie Luzifer Kain seinem Schicksal überlässt. Anhand von Kain hat sich Luzifer bei Gott „für sein eigenes Unterliegen vor Gott“ (6)  gerächt.

Die Mappe Byrons Kain wurde in der österreichischen Staatsdruckerei in einer Auflage von 200 Stück gedruckt. Der Künstler war beim Druck anwesend und hat ihn überwacht. Zu fast allen Blättern der Mappe existieren Vorzeichnungen, die in Feder oder Pinsel ausgeführt worden sind und sich heute in Heidelberger Privatbesitz befinden. (7)
Arpád Weixlgärtner beschreibt in dem von ihm herausgegebenen Werkverzeichnis, dass Jettmar intensiv an dem Zyklus gearbeitet hatte. Einzelne Blätter der Radierfolge wurden in bis zu neun Zuständen vorbereitet.(8)  Das Exemplar im Besitz des LENTOS trägt die Auflagennummer 52/200. Erstmals war der Kain-Zyklus in der 56. Secessionsausstellung von Dezember 1919 bis Jänner 1920 ausgestellt. (9) Michelangelos figura serpentinata, der gedrehte menschliche Körper, wie er in der Sixtinischen Kapelle vorkommt, sowie die Darstellung der Erschaffung Adams und des Sündenfalls haben bei Jettmar einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Karl Jettmar erklärt, dass ein Großteil des Werks seines Vaters dem „menschlichen Körper und seinen Ausdrucksmöglichkeiten gewidmet [ist]. […] Niemals fließt Blut. Alles Geschehen ist wie ein Tanz durch das Zueinander und Gegeneinander der Körper ausgedrückt, die den Gesetzen musikalischer Komposition gehorchen.“ (10)

Abels Ermordung wird nicht dargestellt. Sein Tod wird auf Jettmars Radierung in eine diagonale Anordnung von Hell-Dunkel-Werten eingebettet. Lichtwerte weisen von Abels Beinen zu den endlos wirkenden himmlischen Sphären. Machtvolle Schatten führen von Kain in die dunklen Abgründe.
Das Drama der Bluttat widerspiegelt sich noch auf einer Ebene der psychischen Ver-fasstheit der Protagonisten: als eine Gegenüberstellung von friedvoller Entspannung (Abel) und geballter Anspannung (Kain), von Unschuld und Verzweiflung.
Die gesellschaftsrelevante Deutung von Jettmars Zyklus Byrons Kain ist vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges zu sehen. Die Schattenseiten des Krieges transferiert Jettmar in seiner Radierfolge auf eine symbolische Ebene. Die tieferen Zusammenhänge erschließen sich, wenn wir die gleichnishafte Verquickung von biblischem Motiv und zeitgenössischem Geschehen als Interpretation des Künstlers begreifen.

Radierung
Unter dem Begriff Radierung verstehen wir eine Gruppe von Tiefdrucktechniken, linearen und getönten Zeichnungen, bei denen das Bild mittels eines Ätzmittels in die glatte Oberfläche der Metallplatte vertieft wird. Die Vorgänger der Radierung waren Methoden der Metallgraveure des 15. Jahrhunderts, die sich die mühsame und langwierige Arbeit an den ausgeschmückten Stichen mittels Säureeinwirkung erleichterten. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden neue Vorgänge für die Bearbeitung der Zeichnung und des Ätzens gefunden, wobei die getönte Radierung entstand.
Die Radierung hat viele verschiedene Ausdrucksmittel und kann daher als einer der wirksamsten Zweige der künstlerischen Grafik bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den Kupferstichen hörte die Radierung nie auf, grafische Künstler verschiedenster Generati-onen anzuziehen. Zu ihnen gehören William Hogarth, Jean-François Millet, Édouard Manet, James Abbott McNeill Whistler, Pablo Picasso und andere.

Biografie
1869: am 10. September in Zawodzie (bei Krakau, damals im österreichischen Galizien) als ältester Sohn eines Gutsverwalters geboren. Nach der Geburt seines Bruders Franz kehrt die Familie nach Westböhmen zurück
1875–1886: nach dem Tod der Mutter und der Wiederverheiratung des Vaters Schulbe-such in Libotschan bei Saaz, Tschischkowitz bei Lobositz, Komotau, Böhmisch-Leipa und Eger (Gymnasium). Er spielt Geige, Flöte, Orgel. Nach schwerer Krankheit Erlaub-nis, Musiker zu werden
ab 1887: Studium an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Franz Rumpler, Christian Griepenkerl und August Eisenmenger
1892: Übersiedlung nach Karlsruhe. Studium an der Badischen Kunstakademie bei dem Porträtisten Caspar Ritter
1893: Fußreise über den Schwarzwald nach Italien
1894–1895: Dekorationsmaler in Leipzig und Dresden
1896–1896: Italienreise (Rompreis): Rom, Neapel, Venedig, Florenz
1897: Wien. Studium an der Meisterschule für Graphik bei William Unger. In der Radierung findet Jettmar das ihm gemäße Ausdrucksmittel
1898: Mitglied der Wiener Secession. Bald darauf Mitarbeit bei der Zeitschrift Ver Sacrum. Lehrer an der Kunstschule für Frauen und Mädchen
1899–1902: mehrere Italienaufenthalte (Neapel, Venedig, Ferrara, Perugia, Assisi)
1907: Jettmar zeigt fast sein ganzes bis dahin geschaffenes grafisches Œuvre auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Heirat mit Irma Mayer
1908: Aufenthalt auf Schloss Duino beim Fürstenpaar Thurn und Taxis
1909: Aufenthalt in Rom und in der Toskana
1910–1928: Professor der Akademie der bildenden Künste in Wien. Lehrer an der Allgemeinen Malschule
1924–1925: Leiter der Meisterschule für Malerei
1925–1927: Leiter der Allgemeinen Malschule
1928: Übernahme der Meisterschule für graphische Künste an der Wiener Akademie
ab 1934: Erkrankung, wiederholte Operationen
1935: Übertritt in den Ruhestand. Jettmar wird Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste Wien und Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker
1937: erhält das Komturkreuz des österreichischen Verdienstordens
1939: stirbt am 21. April in Wien

Provenienz
Die Grafikmappe Byrons Kain von Rudolf Jettmar wurde 1988 aus Schweizer Privatbesitz erworben.

Verwendete Literatur
Karl Jettmar, Zum Werk Rudolf Jettmars, Separatum aus der Zeitschrift Alte und Moderne Kunst, 118, Sept./Okt. 1971.

Rudolf Jettmar. 1869–1939, Ausstellungskatalog, Ostdeutsche Galerie Regensburg, Regensburg 1975.

Hans H. Hofstaetter, Rudolf Jettmar, hg. v. der Akademie der bildenden Künste Wien, Wien 1984.

 

1) Karl Jettmar, „Zum Verständnis der Bilder meines Vaters“, in: Rudolf Jettmar. 1869–1939, Ausstellungskatalog, Ostdeutsche Galerie Regensburg, Regensburg 1975, o. S.
2) Vgl. 1. Buch Mose, Genesis, 4,1–24.
3) Auch in unserer Zeit, in der viele Menschen vegetarische Kost bevorzugen, scheint dies ein nahezu unlösbarer Widerspruch zu sein. Entsprechend der christlichen Mystikerin Anna Katharina Emmerich (1774–1824) soll Kain allerdings der erste Mensch gewesen sein, der Fleisch gegessen hat, da ihm die Erde verflucht worden sei. Vgl. dazu: Anna Katharina Emmerich, Geheimnisse des Alten und Neuen Bundes, Stein/Rhein 1993, Kap. 5. Laut Emmerich soll sich das Kainsmal, das Kain nach der Ermordung seines Bruders erhielt, so ausgewirkt haben, dass sein ganzer Körper dunkelhäutig wurde. Jettmar stellt die Figur des Kains abgeschattet dar.
4)  Hans H. Hofstaetter, Rudolf Jettmar, hg. v. der Akademie der bildenden Künste Wien, Wien 1984, S. 50.
5)  ebd.
6)  ebd., S. 51.
7)  ebd., S. 170f.
8)  Zitiert nach: ebd., S. 51.
9)  ebd., S. 170f.
10)  Karl Jettmar, Zum Werk Rudolf Jettmars, Separatum aus der Zeitschrift Alte und Moderne Kunst, 118, Sept./Okt. 1971, S. 39.