Max Klinger

G 561

Frauenakt, 1903
Kohlezeichnung mit Weißhöhungen auf Papier, 68,8 x 41,8 cm

Klingers Kohlezeichnung zeigt einen weiblichen Akt in sitzender Pose. Die Körperachse der jungen Frau orientiert sich entlang einer von links oben nach rechts unten verlaufenden Kompositionsdiagonale. Die schräge Anordnung des Frauenkörpers verleiht dem Bild viel Lebendigkeit und Spontaneität und steht in spannungsvollem Kontrast zur Orthogonalität des hochformatigen Bildträgers. Die junge Frau erweckt den Eindruck, völlig in sich gekehrt zu sein. Der Reiz des Momenthaften wird durch effektvolle Weißhöhungen, die die Figur modellieren und Lichtreflexe akzentuieren, sowie durch die Ausschnitthaftigkeit der Darstellung begünstigt.
In der Zeichnung sind die Gliedmaßen angedeutet oder ganz ausgespart: Die Hände sowie der linke Fuß fehlen zur Gänze. Während sich der linke Arm hinter dem aufgestützten Bein versteckt, zeigt sich der rechte als zwei parallel geführte Linien, die vom Bildrand jäh überschnitten werden. Dieser Arm wirkt so, als wäre er am Bildrand festgezurrt. Durch seine Anbindung an den Bildrand gleicht er eine zu starke visuelle Gewichtung der linken Bildhälfte aus und stützt damit – einer Krücke gleich – die Komposition, verleiht ihr Stabilität und Ausgewogenheit.

Figuren mit gebeugten Körperhaltungen – wie in unserer Skizze – kennen wir aus der griechischen und römischen Antike. Max Klinger mag sie wohl in den Kunstsammlungen der Medici in Florenz oder in den Vatikanischen Museen in Rom[1] studiert haben.
Der Künstler verreiste in den 1880er- und 1890er-Jahren mehrmals nach Paris, Florenz und Rom. Eine Tour führte ihn 1894 bis nach Griechenland, wo er sich von deutschen Archäologen Farbreste auf antiken Statuen zeigen ließ. Dies war insofern spektakulär, als lange Zeit angenommen worden war, dass antike Statuen grundsätzlich farblos waren. In Paris besuchte Max Klinger eine Ausstellung Auguste Rodins. Besonderes Interesse erweckten die Torsodarstellungen des berühmten französischen Bildhauers. Im akademischen Kunstverständnis der damaligen Zeit durfte man eine fragmentarische Körperdarstellung nur in Zusammenhang mit antiken Themen wählen. Rodin setzte sich als erster über diese Bestimmung hinweg. Wie man aus dem Nachlass Max Klingers weiß, besaß der Künstler Fotos der Nike von Samothrake und der Venus von Milo – beides antike Statuen, die der Nachwelt als Torsi erhalten sind. Im Falle der Nike fehlt der Kopf, die Venus von Milo ist ohne Arme aufgefunden worden. Spätestens seit 1895, als Max Klinger an seiner Skulptur Kassandra arbeitete, schuf der deutsche Künstler selbst Torsi.

Im Gemälde Die Blaue Stunde von 1890 taucht bereits eine Frauengestalt in ähnlich gebeugter Körperhaltung auf. Das Bild gibt drei Frauenakte wieder, die in der Dämmerung auf Felsklippen am Meer lagern, in den drei menschlichen Grundhaltungen stehen, sitzen und liegen. Auch Skulpturen wie Badende, sich im Wasser spiegelnd (1896/97) und Galathea (1906) zeigen gebeugte Frauenkörper. Ein 1902 entstandenes Profilbild, das große Ähnlichkeit mit den Dargestellten der Skulpturen aufweist, hat Klinger mit Helene Donath betitelt. Für die Marmorstatue Kauernde aus dem Jahr 1901 dürfte die junge Frau ebenfalls Modell gestanden haben. Die 1903 entstandene Zeichnung im LENTOS lässt sich als zeichnerische Variante zu den angeführten Werken bezeichnen.

Welche Wertschätzung die Zeichnung bei Klinger genoss, belegen seine eigenen Schriften. In Malerei und Zeichnung, 1891 publiziert, wies der Künstler der Zeichnung eine autonome Position zu: „Aus den ungeheuren Kontrasten zwischen der gesuchten, gesehenen, empfundenen Schönheit und der Furchtbarkeit des Daseins, die schreiend oft ihm (dem Künstler) begegnet, müssen Bilder entstehen, wie sie dem Dichter, dem Musiker aus der lebendigen Empfindung entspringen. Sollten diese Bilder nicht verloren gehen, so muß es eine Malerei und Skulptur ergänzende Kunst geben. … Diese Kunst ist die Zeichnung.“[2]

Figurenstudien und -zeichnungen fertigte der Künstler üblicherweise nach dem Leben, d. h. vor Modellen an. Diese tragen daher die unverwechselbaren, individuellen Züge ihrer Protagonistinnen. Die Frauen werden auf Zeichnungen so festgehalten, wie sie sich ohne gesellschaftliche Codierung oder symbolistische Überhöhung zeigen: ganz sie selbst und bar jeder repräsentativen Funktion, woraus sich der ungewöhnliche Reiz dieser Werke erklärt.
Die rudimentäre Darstellung der Gliedmaßen auf unserem Blatt könnte den Eindruck erwecken, als habe Klinger die Zeichnung nicht fertiggestellt. Signatur und Datierung am linken unteren Bildrand widerlegen diese Vermutung jedoch. Der Künstler hat die Charakterisierung von Händen und Füßen bewusst knapp gehalten, um die ganze Aufmerksamkeit auf jene durch antike Vorbilder inspirierte, gebeugte Körperhaltung zu lenken, und er hat somit einen gezeichneten Torso geschaffen.

Torso
bruchstückhaft erhaltene oder bewusst unvollendet belassene Statue, bei der Teile abgebrochen oder nie ausgeführt worden sind. Antike und Mittelalter kannten den Torso als selbstständige Kunstform nicht. Im Werk Auguste Rodins erscheint der Torso erstmals als eigenständiges Motiv. Im 20. Jahrhundert erhoben Wilhelm Lehmbruck, Constantin Brancusi, Hans Arp und Henry Moore die Fragmentierung der menschlichen Figur endgültig zur Konzeption.

Biografie
1857: am 18. Februar in Leipzig geboren
1863–1867: Besuch der Bürgerschule in Leipzig
1874: Studium an der Großherzoglich Badischen Kunstschule in Karlsruhe
1875: Übersiedlung nach Berlin, Aufnahme an die Königliche Akademie der Künste bei Karl Gussow. Adolf Menzel wird zum künstlerischen Vorbild Klingers in Berlin
1879: Reise nach Brüssel, Schüler von Emile Charles Wauters
1880: Ausstellung der Radierfolge Eva und die Zukunft in München
1881: Rückkehr nach Berlin
1883: erster großer Auftrag zur Ausmalung einer Villa in Steglitz bei Berlin. Erstmalige Erprobung des Zusammenwirkens von Architektur, Malerei und Plastik, die in die Idee des Gesamtkunstwerks mündet
1885: Aufenthalt in Paris
1887: lernt Arnold Böcklin in Berlin kennen
1888–1893: Aufenthalte in Italien, vorwiegend in Rom
1890: Studium antiker Plastik in Rom
1893 Rückkehr nach Leipzig
1894: erste umfangreiche Sonderausstellung in Leipzig
Reise nach Berlin, wo er Johannes Brahms besucht
Reise nach Athen, wo er mit den deutschen Archäologen Paul Hartwig, Botho Graef und Paul Wolters zusammentrifft. Diese haben Reste farbiger Skulpturen auf der Akropolis gefunden
1895: lehnt eine Professur in Wien ab
1897: Ernennung zum Professor an der Akademie der Graphischen Künste in Leipzig
1898: lernt die Schriftstellerin Elsa Asenijeff (1867–1941) kennen, die für etwa 15 Jahre seine Lebensgefährtin und sein Modell wird
1900: Geburt der Tochter Désirée in Paris
1902: Die Skulptur Beethoven (1885–1902) wird nach ihrer Vollendung in Wien und anschließend in Düsseldorf und Berlin gezeigt. Großer Erfolg der Ausstellung durch Umsetzung der Idee des Gesamtkunstwerks
1904: längere Aufenthalte auf Elba, um Marmor zu kaufen
1906: Gründung des Villa-Romana-Vereins mit Sitz in Leipzig und Wahl Klingers zum Vorsitzenden. Klinger erhält mehrere Auszeichnungen, u. a. Ritter des Ordens Pour le Mérite
1907 Reisen nach Paris und Spanien. Im Prado begeistertes Studium der Werke von Goya, Ribera und Velázquez
1908: Max Reinhardt erteilt Klinger den Auftrag zur Gestaltung des Bühnenbildes zu Shakespeares Macbeth, das aber nicht ausgeführt wird
1911: Gertrud Bock (1893–1932) wird Klingers Modell
1913: Grundsteinlegung zu einem Wagner-Denkmal in Leipzig, das unausgeführt bleibt
1919: Schlaganfall mit rechtsseitiger Lähmung. Max Klinger und Gertrud Bock heiraten
1920: Tod Klingers am 4. Juli in Großjena

Provenienz
Die Grafik Frauenakt wurde 1953 aus dem Besitz des Galeristen Wolfgang Gurlitt für das von ihm 1946 gegründete Museum Neue Galerie der Stadt Linz – Wolfgang Gurlitt Museum (heute LENTOS Kunstmuseum Linz) erworben.

Verwendete Literatur
Max Klinger. Wege zum Gesamtkunstwerk, Ausstellungskatalog, Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim, Mainz 1984.

Pavla Langer (Hg.), Max Klinger. Wege zur Neubewertung, Leipzig 2008.

Edda Hevers, Klaus Gallwitz (Hg.), Max Klinger. 1857–1920, Ausstellungskatalog, Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt am Main, Hamburger Kunsthalle, Hamburg, Frankfurt am Main 1992.

 


[1] Eine ähnliche (allerdings männliche) Figur ist beispielsweise Teil der Laokoongruppe in den Vatikanischen Museen in Rom.

[2] Max Klinger, Malerei und Zeichnung, Leipzig 1891, S. 215, zitiert nach: Manfred Boetzkes, „Wege zum Gesamtkunstwerk“, in: Max Klinger. Wege zum Gesamtkunstwerk, Ausstellungskatalog, Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim, Mainz 1984, S. 12.