Lyonel Feininger

G 4498 klein

The Gate, 4. September 1912
Radierung auf Papier, 41,9 x 31,9 cm

„[…] Pommern und die Ostsee, das war einmal: weiß ich das auch so genau, denn sie waren für mein ganzes Schaffen mitbestimmend, und ich zehre noch jetzt an den Erlebnissen, die ich dort hatte: Hier gibt es nichts, was damit zu vergleichen wäre …“(1)
In The Gate hielt Feininger das Rostocker Tor in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee fest. Es gilt als eines der ältesten(2) erhaltenen Stadttore Mecklenburg-Vorpommerns. Das Backsteintor entstand in seiner heutigen Form um 1430. Vor dem Tor führt eine Brücke über den Klostergraben. Tor und Graben sollten die Stadt gegen Westen hin vor Angriffen schützen. Der Künstler sah das Tor erstmals 1905 bei einem seiner Sommeraufenthalte an der Ostsee. Er nannte die Kleinstadt Ribnitz „Märchenstadt […] in märchenhafter weiter Ferne“(3) . Im gleichen Jahr verwendete Feininger das Motiv bereits für die Karikatur Der Rattenfänger von England in einer Ausgabe der Lustigen Blätter(4).
Eine 1911 entstandene Tuschfederzeichnung mit demselben Titel (heute im Art Institute Chicago) diente als Vorlage für die Radierung. Obwohl aus drucktechnischen Gründen spiegelverkehrt dargestellt, stimmen alle bildlichen Details mit der Zeichnung überein. Im Vergleich zur Federzeichnung wählte der Künstler noch kräftigere Hell-Dunkel-Kontraste. Er verlieh dem Stadttor eine beinahe monströse Monumentalität, indem er es dicht an den oberen Bildrand anstoßen und die Menschen auf der Brücke und im Stadtgraben winzig klein erscheinen ließ.
Feininger vereinte in The Gate expressionistische und kubistische Formen. Es kam ihm darauf an, das Gesehene umzuformen und zu „crystallisieren“(5) , um den Ausdruck zu steigern. Selbst das Rund der Sonne scheint unregelmäßig gebrochen zu sein. In einem Brief an seine künftige Ehefrau Julia schrieb er: „Mir schweben schon ganz andere Leucht- und Tonwerte, andere Übersetzungsmöglichkeiten als bisher vor. Aber es ist fast unmöglich, von der gewohnten Wirklichkeit abzugehen. Das Gesehene muß innerlich umgeformt und crystallisiert werden.“(6)
The Gate markiert eine entscheidende Wende in Feiningers Schaffen. Erstmals tritt die Architektur dominant in den Vordergrund und die menschliche Figur wird zur Staffage reduziert(7). Dass das Rostocker Tor einen nachhaltigen Einfluss auf den Künstler ausübte, beweist die Tatsache, dass er dieses Sujet ein paar Jahre später (1918–1921) nochmals zwei Holzschnitten und einer aquarellierten Tuschfederzeichnung zugrunde legte.
Das Ribnitzer Stadttor war für den Künstler mehr als nur Architektur. Er löste es aus seinem individuellen Kontext und überhöhte es ideell. Feininger sah die Gotik als „Idealbild einer universalen Geisteskultur gegen die moderne Industriegesellschaft und den Kunstbetrieb des Kaiserreichs“(8).

Radierung
In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden neue Verfahren für die Vervielfältigung von zeichnerischen Vorlagen und des Ätzens entwickelt, wobei die getönte Radierung entstand. Die Technik der Strichradierung beruht in der Ausführung der Zeichnung mittels einer Graviernadel in die Schicht des schützenden Ätzgrundes, mit der die Metallplatte versehen ist. Durch das Einwirken des Ätzmittels wird die Zeichnung dann an der Stelle des bloßgelegten Metalls in die Tiefe geätzt. Im Gegensatz zum Kupferstich hörte die Radierung nie auf, grafisch arbeitende Künstler verschiedener Generationen in ihren Bann zu ziehen. Zu ihnen gehörten William Hogarth, Jean-François Millet, Édouard Manet, James Whistler, Pablo Picasso und weitere.

Kubismus
Eine um 1907 in Paris entwickelte Stilrichtung der modernen Kunst, deren Darstellungsverfahren in Malerei und Skulptur Georges Braque und Pablo Picasso nach einer Phase intensiver Zusammenarbeit etwa gleichzeitig fanden. Der Kubismus vollzog zu Beginn des 20. Jahrhunderts den radikalen Bruch mit einer der wesentlichen Errungenschaften, die die Maler während der Renaissance entwickelt hatten: der zentralperspektivischen Darstellung. Hatten Fauvismus und Expressionismus die Farbe befreit, galt das Interesse der Kubisten der Form. Pablo Picasso gab in seinem kubistischen Hauptwerk Les Demoiselles d’Avignon (1907) die räumliche Illusion auf und verzahnte die verzerrten Körperformen im Raum. Zerlegte der analytische Kubismus die dreidimensionalen Formen auf der Bildfläche, so setzte der synthetische Kubismus die Gegenstandsformen auch mittels der neu entdeckten Collagetechnik auf der Bildfläche zusammen. Jene Gestaltungsprinzipien, mit denen Georges Braque, Pablo Picasso und Juan Gris an Paul Cézannes Rückführung der Natur auf geometrische Formen anknüpften, ermöglichten die künstlerische Erschaffung einer Bildrealität, die nicht mehr bloße Nachahmung der Natur war.

Biografie
1871: Léonell Charles Feininger wird am 17. Juli in New York geboren. Sein Vater Charles (Karl) ist Violinspieler, seine Mutter Elisabeth Cecilia Pianistin und Sängerin
1887: fährt im November nach Hamburg und lebt von nun an bis 1936 in Deutschland. Seine Eltern, die ihn eigentlich zum Musiker bestimmt haben, erlauben ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Hamburg
1888: fährt nach Berlin und beginnt für Verleger und Zeitschriften zu arbeiten. Besteht die Aufnahmeprüfung an der dortigen Königlichen Akademie der bildenden Künste
1892/93: Aufenthalt in Paris, arbeitet im Atelier Colarossi(9). Im Mai Rückkehr nach Berlin
1894: verlässt die Berliner Akademie. Erste Zeichnungen für Harper’s Young People und Harper’s Round Table
1895–1914: feste Anstellung bei Ulk, der humoristischen Wochenbeilage des Berliner Tageblatts
1897–1917: Zeichnungen für die Zeitschriften Lustige Blätter und Narrenschiff
1901: Heirat mit der Pianistin Clara Fürst, Geburt der Tochter Lore
1902: Geburt der zweiten Tochter Marianne
1903: stellt Zeichnungen auf der 8. Ausstellung der Berliner Secession aus
1905: lernt Julia Berg, geb. Lilienfeld, kennen; Trennung von Clara
1906: erste Lithografien und Radierungen. In Berlin Vertrag mit der Chicago Sunday Tribune; löst Vertrag mit Lustige Blätter. Fährt im Juli nach Paris, wo er erneut im Atelier Colarossi arbeitet. Lernt den Künstlerkreis um Matisse kennen, trifft Robert Delaunay. Nach der Rückkehr Gründung eines Ateliers in Weimar. Erste Lithografien und Radierungen entstehen. Geburt des Sohnes Andreas
1907: Feininger beginnt zu malen. Im Oktober in Paris, wo er Bilder von van Gogh und Cézanne bei Bernheim Jeune sieht
1908: Heirat mit Julia Berg
1910: stellt bei der Berliner Secession erstmals ein Gemälde aus und beendet die Karikaturarbeiten für satirische Zeitschriften. Bilder vom Heringsdorfer Strand. Im September hält er sich in Neppermin auf der Insel Usedom auf. Geburt des Sohnes Theodor Lux
1911: während eines Aufenthaltes in Paris erste Begegnung mit den Kubisten
1912: lernt die Maler der Brücke kennen. Freundschaft mit Alfred Kubin, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Erste architektonische Entwürfe
1913: erkundet die Thüringer Dörfer, u. a. Tröbsdorf, Possendorf, Umpferstedt und Zottelstedt. Einladung von Franz Marc, mit dem Blauen Reiter im Ersten Deutschen Herbstsalon in der Galerie Der Sturm in Berlin auszustellen
1919: Gründung des Bauhauses in Weimar, Feininger wird Meister der Formlehre in der Druckwerkstatt
1920: Aufenthalte in Thüringen und Erfurt, wo er die Dörfer zeichnet
1924: gründet zusammen mit Klee, Jawlensky und Kandinsky die Ausstellungsgemeinschaft Die Blauen Vier
1926: Übersiedlung nach Dessau. Feininger ist Meister am Bauhaus ohne Lehrverpflichtung
1933: Nach der Schließung des Bauhauses in Dessau 1932 Rückkehr nach Berlin
1936: im Rahmen der Aktion Entartete Kunst werden 378 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt. Reise in die USA und Entschluss, Deutschland zu verlassen
1937: emigriert nach New York, wo er bis zu seinem Lebensende lebt
1940: die ersten Manhattan-Bilder entstehen
1944: erste große Retrospektive in New York. Trifft Mark Tobey und Fernand Léger
1945: hält einen Sommerkurs am Black Mountain College, North Carolina
1950: Entwurf eines Wandbildes für den Passagierdampfer Constitution
1956: stirbt am 13. Januar in New York

Provenienz
Die Radierung wurde 1986 aus Wiener Privatbesitz erworben.

Verwendete Literatur
Uwe Schneede, Götz Adriani (Hg.), Lyonel Feininger. Die Zeichnungen und Aquarelle, Ausstellungskatalog, Hamburger Kunsthalle, Kunsthalle Tübingen, Hamburg 1998.

Werner Timm (Hg.), Lyonel Feininger. Erlebnis und Vision. Die Reisen an die Ostsee, 1892–1935, Ausstellungskatalog, Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Kunsthalle Bremen, Regensburg 1992.

Lyonel Feininger. Originale auf Papier und Druckgraphik aus dem Besitz des Sprengel Museum Hannover, Ausstellungskatalog, Sprengel Museum Hannover, Hannover 1996.

Lyonel Feininger. Städte und Küsten. Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafik, Ausstellung zum 200. Jubiläum der Albrecht-Dürer-Gesellschaft, Ausstellungskatalog, Kunsthalle Nürnberg, Marburg 1992.

Fußnoten
1)  Brief an Jutta Freifrau von Schlieffen, New York, 30.9.1951, in: Lyonel Feininger, Ausstellungskatalog, Stiftung Pommern, Kiel 1991, S. 5, zitiert nach: Werner Timm, „Feininger und die Ostsee“, in: Lyonel Feininger. Städte und Küsten. Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafik, Ausstellung zum 200. Jubiläum der Albrecht-Dürer-Gesellschaft, Ausstellungskatalog, Kunsthalle Nürnberg, Marburg 1992, S. 41.
2) Der erste Bau wurde bereits im Jahr 1290 urkundlich erwähnt.
3)  Brief an Julia Berg, 15.10.1905, in: Werner Timm (Hg.), Lyonel Feininger. Erlebnis und Vision. Die Reisen an die Ostsee. 1892–1935, Ausstellungskatalog, Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Kunsthalle Bremen, Regensburg 1992, S. 41. Julia Berg und Feininger heirateten 1908, siehe Biografie.
4) Vgl. Uwe Schneede, Götz Adriani (Hg.), Lyonel Feininger. Die Zeichnungen und Aquarelle, Ausstellungskatalog, Hamburger Kunsthalle, Kunsthalle Tübingen, Hamburg 1998, S. 209.
5)  Brief an Julia Berg, 29.8.1907, zitiert nach: Schneede, Adriani 1998, S. 68.
6) ebd.
7)  Vgl. Ulrich Luckhardt, in: Klaus Peter Schuster (Hg.), Delaunay und Deutschland, Ausstellungskatalog, Haus der Kunst München, München 1986, zitiert nach: Timm 1992, S. 41.
8)  Magdalena Bushart, „Feininger und die Gotik“, in: Ausstellungskatalog Kunsthalle Nürnberg 1992, S. 35.
9)  Die Académie Colarossi (auch Atelier Colarossi genannt) war eine im 19. Jahrhundert von dem italienischen Bildhauer Filippo Colarossi (1841–1914) in der Rue de la Grande-Chaumière Nr. 10 im 6. Arrondissement in Paris gegründete private Kunstakademie. Sie stellte eine Alternative zur staatlichen Kunstschule École des Beaux-Arts dar, die nach Ansicht junger Künstler viel zu konservativ war. Die Schule schloss 1930.