Klemens Brosch

Klemens-Brosch-G-5048

Die Landschaft mit zwei kreisenden Adlern, 1922
Pinsel in Tusche, laviert, 87,2 x 35 cm

„Ich möchte gerne die nächsten Ausflüge mit 3 – 4stündiger Rast zum Zeichnen verbinden. Allerdings ist es jetzt dazu etwas zu kalt. Auch nach Lichtenberg möchte ich bald wieder, womöglich an einem düsteren stürmischen Tag, wie letzthin!
Strenge deinen phosphorsauren Kalk an, und vielleicht findest du irgend einen  Ausflugsort, der meiner düsteren, romantischen Anlage im Geiste Böcklins u. Bethovens [sic!] (Kein Qualitätsvergleich!) einen Schwung gibt.“
[1]

Der Linzer Klemens Brosch war einer der talentiertesten Zeichner Österreichs. Er wurde nur 32 Jahre alt. Von seinem Kriegseinsatz schwer gezeichnet, wandte er sich verstärkt mystischen Themen zu. Die Landschaft mit zwei kreisenden Adlern kündet von einer Bedrohung. Das extreme Hochformat schildert, wie sich die Wolken am Himmel bereits zusammenbrauen und ein Gewitter heraufzieht. Der Himmel verfinstert sich. Ein starker Wind setzt den Bäumen heftig zu. Ihre bedrohliche Schräglage zeichnet sich als gespenstischer Schlagschatten auf der hoch aufragenden Ruinenmauer ab. Ein Mann hält sich an einem der Baumstämme fest und blickt sorgenvoll zu den kreisenden Vögeln nach oben. Die Bäume und die Ruine sind im Vergleich zur menschlichen Gestalt überdimensional groß dargestellt. Sie wirken übermächtig und lassen die menschliche Gestalt zur Staffage verkommen.
Die mondbleiche Ruine zeichnet sich kontrastreich gegen den dunklen Hintergrund ab. Gleißende Helligkeit und abgrundtiefes Schwarz stehen sich übergangslos gegenüber. Die sich hinter der Ruine auftürmenden Wolkenmassen scheinen in Veränderung zu sein. Wie ein dunkler Mantel, ein undurchdringlicher Nebel sind sie dabei, Ruine, Bäume und Mensch innerhalb kürzester Zeit völlig zu vereinnahmen. So wird dieses Bild zur Demonstration eines existenziellen Kampfes, den der Mensch gegen die Natur auszufechten hat.

In Klemens Broschs grafischen Arbeiten zeigen sich vor allem Einflüsse von Arnold Böcklin, Max Klinger und Alfred Kubin. Brosch kannte darüber hinaus japanische Holzschnitte unter anderem von Hokusai und Hiroshige. Insbesondere Böcklins Gemälde Die Toteninsel (in verschiedenen Versionen 1880–1886) scheint Brosch vor Augen gehabt zu haben, als er die Tuschpinselzeichnung Die Landschaft mit zwei kreisenden Adlern anfertigte. Grell leuchtende Akzente setzen sich da wie dort gegen starke Dunkelwerte ab, melancholisch aufragende Bäume ragen wie Fackeln in den Himmel. Während in Böcklins Toteninsel eine verhüllte Gestalt und ein Sarg in einem Nachen zur Insel gebracht werden, kämpft in Broschs Pinselzeichnung ein einzelner Mann gegen die heftigen Unbilden des Wetters. Bei Brosch wird somit der existenzielle Kampf des Menschen gegen die Naturgewalten zum Kern der Darstellung, während Böcklin den Übergang ins Totenreich in den Vordergrund rückt. Brosch verwendet im Gegensatz zu Böcklin ein Hochformat, das den Kampf zwischen oben und unten – der kleine Mensch gegen die Übermacht der Natur – noch stärker fokussiert und die aufwühlende Thematik unterstreicht.

Broschs technische Meisterschaft ist auf ein intensives Naturstudium zurückzuführen. Bereits während seiner Schulzeit an der Linzer Realschule soll er in einem Sommer tausend Skizzen gemacht haben, was eine Klassenbucheintragung seines Zeichenlehrers zur Folge hatte. Der talentierte Zeichner konnte seinen Fleiß allerdings lückenlos belegen.[2] Mit einem vor die Augen geschnallten Fernglas saß er auf der Wiese, um die sichtbaren Phänomene in fein lineare, überaus realistische Zeichnungen umzusetzen. Als Brosch Die Landschaft mit zwei kreisenden Adlern malte, war er 27 Jahre alt und schon seit acht Jahren morphium- und kokainabhängig.[3] Ein künstlerischer Stilbruch, der vermutlich in erster Linie auf die psychischen und physischen Auswirkungen des Drogenmissbrauchs zurückzuführen war, zeichnete sich ab 1920 deutlich ab. Ab diesem Jahr lassen sich eine veränderte Ikonografie und Technik feststellen. Als Hauptthemen führt die Brosch-Expertin Elisabeth Nowak-Thaller die Bereiche „die bedrohte Menschheit, der einsame Mensch; Lebensangst“[4] an. Klemens Brosch hat nun keine Zeit mehr für fein strukturierte Zeichnungen. Die rasch auszuführende Tuschpinseltechnik kommt seinem gedrängten, gehetzten Lebensrhythmus entgegen. Dennoch erreicht der Künstler eine Präzision im Strich, eine Dichte im Ausdruck und eine Ästhetik in der Darstellung, die für sich sprechen und eine anschauliche Kunde von der Größe seines Talents geben können.

Broschs zeichnerisches Œuvre umfasst mehrere Tausend Blätter. Ein Großteil davon befindet sich in den oberösterreichischen Museen: im OÖ. Landesmuseum, im Nordico Museum der Stadt Linz und im LENTOS Kunstmuseum Linz sowie in Privatbesitz.

Biografie
1894: wird am 21. Oktober als Sohn des Bürgerschuldirektors und Heimatforschers Franz Brosch in Linz geboren
1905–1908: Besuch der Bürgerschule in Linz
1908–1910: Besuch der Linzer Eisenbahnakademie. Brosch zeigt neben seiner bildnerischen auch eine ausgeprägte musikalische, literarische und mathematische Begabung
1910: Besuch der Linzer Realschule. Unternimmt zusammen mit seinem Bruder Franz als Mitglied der Jugendbewegung Wandervogel etliche ausgedehnte Wanderungen. Es entstehen zahlreiche Naturstudien
1912: Fußwanderung von Linz nach Nürnberg. Erste Ausstellungen im OÖ. Kunstverein
1913: Matura an der Linzer Realschule. Meldet sich als Einjährig-Freiwilliger zum Militärdienst. Die ersten Anzeichen einer langen Krankheit kündigen sich an. Brosch gründet gemeinsam mit seinem Bruder Franz, Anton Lutz, Franz Sedlacek, Hans Pollack und dem Kunstgewerbler Heinz Bitzan die Linzer Künstlervereinigung MAERZ. Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Rudolf Bacher
1914: das produktivste Jahr mit 160 erhaltenen Arbeiten. Der Künstler arbeitet mit großer technischer Brillanz. Gemeinsam mit seinem Bruder Walter wird er als Gefreiter zum Landesinfanterieregiment Nr. 2 eingezogen. Einsatz als zeichnender Kriegsberichterstatter in Galizien. Er erkrankt nach wenigen Tagen an der Front und wird von Militärspital zu Militärspital geschickt. Unter dem Eindruck der Kriegsgräuel Beginn der Opium- und Kokainsucht.
1915: bricht vor einer Untersuchungskommission ohnmächtig zusammen und wird endgültig aus dem Kriegsdienst entlassen. Parallel zu verstärkten Problemen mit dem Lungenleiden Beginn der Morphiumsucht
1915–1916: setzt sein Studium an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Ferdinand Schmutzer fort. Zweite Ausstellung der Künstlergruppe MAERZ in Linz. Der erst 21-jährige Künstler gewinnt in ununterbrochener Folge alle höchsten Auszeichnungen der grafischen Klasse an der Akademie
1916: zeigt in der 3. Ausstellung der Vereinigung MAERZ 140 Blätter
1917: scheidet aus der Künstlervereinigung MAERZ aus. Er widmet sich verstärkt druckgrafischen Arbeiten
1917–1918: letztes Studienjahr an der Wiener Akademie bei Ferdinand Schmutzer
1919: Gründung der Künstlervereinigung Der Ring. Zahlreiche Exlibris und Notgeldentwürfe für eine ganze Reihe oberösterreichischer Gemeinden entstehen
1920: Verehelichung mit Johanna Springer
1920–1924: Künstlerischer Stilbruch, der aus den Halluzinationen im Drogenrausch entsteht: Brosch erblickt neue Welten, erlebt beklemmende Fantasien, Todes- und Untergangsvisionen. Er verwendet nun ausschließlich die Tuschpinseltechnik
1924: Entwöhnungskur in der Heilanstalt Niedernhart in Linz. Danach Arbeit im Dienst der Oberösterreichischen Kraftwerke, Tätigkeit im Kraftwerk Partenstein
1925: Brosch wird rückfällig. Erneuter zweimonatiger Entziehungsaufenthalt
1926: Kollektivausstellung im Ländlersaal, Promenade Linz
1926: Brosch nimmt sich mittels einer chloroformgefüllten Gasmaske auf dem Pöstlingbergfriedhof Linz das Leben
1954: Gedächtnisausstellung im Oberösterreichischen Landesmuseum
1979: Ausstellung in der Galerie im Taxispalais, Innsbruck
1980–1981: Ausstellung in der Kärntner Landesgalerie, Klagenfurt und im Kulturamt Bregenz
1982: Ausstellungen im Kulturhaus Graz und in der Neuen Galerie der Stadt Linz – Wolfgang Gurlitt Museum (heute: LENTOS Kunstmuseum Linz)

Provenienz
Die Tuschpinselzeichnung Die Landschaft mit zwei kreisenden Adlern wurde 1988 aus Linzer Privatbesitz erworben.

Verwendete Literatur
Ausgeliefert. Beispiele österreichischer Graphik der Zwischenkriegszeit nahe der Phantastik. Klemens Brosch, Carl Anton Reichel, Franz Sedlacek, Aloys Wach, Ausstellungskatalog, OÖ. Landesgalerie am OÖ. Landesmuseum, Linz 1997.

Elisabeth Nowak-Thaller, Klemens Brosch 1894–1926, Klagenfurt 1991.

Peter Baum, Klemens Brosch, Carl Anton Reichel, Aloys Wach, Ausstellungskatalog, Neue Galerie der Stadt Linz – Wolfgang Gurlitt Museum in Zusammenarbeit mit dem OÖ. Landesmuseum, dem Stadtmuseum Linz und dem Bezirksmuseum Braunau, Linz 1982.

 

 

 


[1] Zitat aus einem Brief Klemens Broschs vom 4. November 1919 an Dr. Otto Gerstl, Quelle: OÖ. Landesmuseum, Autographische Sammlung, zitiert nach: Elisabeth Nowak-Thaller, Klemens Brosch 1894–1926, Klagenfurt 1991, S. 158. Klemens Brosch war mit dem Linzer Juristen und Kunstsammler Otto Gerstl (1893–1974) befreundet, wovon ein reger Briefwechsel kündet. Brosch fertigte für seinen Freund sogar ein Exlibris an.

[2] Vgl. Wilfried Kirschl, „Der Zeichner Klemens Brosch“, in: Peter Baum, Klemens Brosch, Carl Anton Reichel, Aloys Wach, Ausstellungskatalog, Neue Galerie der Stadt Linz – Wolfgang Gurlitt Museum in Zusammenarbeit mit dem OÖ. Landesmuseum, dem Stadtmuseum Linz und dem Bezirksmuseum Braunau, Linz 1982, S. 13–14, hier S. 13.

[3] Klemens Brosch erhielt erstmals 1914 Morphium von einem Militärarzt, der damit Herzklopfen, Ohnmachtsanfälle und Schwächezustände seines Patienten behandeln wollte. Brosch: „Ich habe anno 1914 Morphium genommen. Dies wird Dir manches erklären“, OÖ. Landesmuseum, Autographische Sammlung, zitiert nach Nowak-Thaller 1991, S. 153.

[4] ebd., S. 154.