Henri de Toulouse-Lautrec

G 6174

 

Une Spectatrice, 1893
Lithografie auf Papier, 43,5 x 31 cm

 

Toulouse-Lautrecs Lithografie La Spectatrice führt uns in das Ambiente des Pariser Konzertlokals Les Ambassadeurs. Gemeinsam mit Madame (La Spectatrice) sitzen wir in den Zuschauerreihen eines Café-Conc und sehen uns eine für Paris typische Darbietung der Belle Époque an.
Von der im Publikum sitzenden Zuschauerin führt der Blick zur tiefer gelegenen Bühne, deren Hintergrund durch vertikale Linien abgegrenzt ist. Auf der Bühne erkennen wir hinter zwei flüchtig angedeuteten Akteuren einen Mann in gebeugter Haltung mit einer Kappe am Kopf. Es handelt sich um den französischen Sänger Pierre-Paul Marsalés (1863–1927), der sich als Künstler Polin nannte. Polin trat zunächst in kleineren Sälen in verschiedenen Pariser Stadtvierteln auf. Als er im Ambassadeurs seine Rolle als komischer Soldat zum Besten geben durfte, war er bereits stadtbekannt. Polins Lieder waren sehr nüchtern, aber dennoch pointiert. Sein Neffe war Louis Leplée, Kabarettdirektor und Entdecker von Édith Piaf.

Im 19. Jahrhundert befand sich in den Räumen des Les Ambassadeurs ein sogenanntes Café-Conc (Café-Concert). Darunter versteht man ein Lokal, das Konzertsaal und Bar in einem ist. Café-Concs gab es im 19. Jahrhundert in Paris für alle Gesellschaftsschichten. In diesen Lokalen wurde gesungen und getanzt. Es wurden auch theaterartige Szenen oder artistische Vorstellungen dargeboten.(1)  Der französische Cancan und das burleske Varieté-Theater nahmen hier ihren Ausgangspunkt. Damals war es nicht üblich, Eintrittsgeld zu verlangen. Mit den Einnahmen aus den Getränken und Speisen konnten auch die Gagen der auftretenden Künstler bezahlt werden. Die ersten Café-Concs entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Lyon und Marseille. 1850 gab es in Paris bereits 200 solche Lokale.
Les Ambassadeurs wurde von Anfang an besonders von der Pariser Aristokratie frequentiert. Die vornehmen Städter kamen unter anderem wegen der Sänger Aristide Bruant und Polin. Auch die Beleidigungen und Beschimpfungen der Bourgeoisie in den Liedern des Aristide Bruant schreckten das vornehme Publikum nicht ab. Damals saßen auch Edgar Degas und Henri Toulouse-Lautrec im Publikum und porträtierten die Besucher des Ambassadeurs. Degas’ bekannte Pastellzeichnung Café-Concert entstand in den Räumen dieses berühmten Lokals. Les Ambassadeurs wird heute als Luxusrestaurant des Hotel Crillon auf der Place de la Concorde geführt. Das prachtvolle Interieur, das bereits im 18. Jahrhundert im Stil des Klassizismus von Jacques-Ange Gabriel geschaffen wurde, wurde in der Lithografie Toulouse-Lautrecs lediglich mit ein paar vertikalen Linien angedeutet.

La Spectatrice (Die Zuschauerin) stammt aus der Serie Le Café Concert, wo es das zehnte in einer Folge von elf Blättern von Toulouse-Lautrec ist. Die Mappe bestand insgesamt aus 22 Lithografien, wobei 11 von Toulouse-Lautrec und weitere 11 vom französischen Zeichner, Maler und Schriftsteller Henri-Gabriel Ibels (1867–1936) stammen. Der französische Journalist und Autor Octave Lebesgue steuerte dazu unter dem Pseudonym Georges Montorgueil einen Text bei. Im Jahr 1893, als die Mappe herauskam, wurde sie um 25 Francs zum Kauf angeboten. Weitere Blätter der Mappe zeigen u. a. die Sängerinnen Yvette Guilbert und Mary Hamilton. Der Auftraggeber der Serie war der französische Drucker André Marty.

Mit in lockerem Duktus gezeichneten Grafiken wie La Spectatrice traf Toulouse-Lautrec den Geschmack seiner Zeit. Der Künstler brachte seine Zeichnungen selbst mit einem Pinsel auf den Lithostein auf. Skizzen zu den jeweiligen Arbeiten fertigte er direkt am Ort des Geschehens, v. a. in den Pariser Nachtlokalen, an. Die Spritzeffekte im Bildhintergrund wurden durch den Einsatz von Bürste und Spritzgitter erreicht. Die Spritztechnik hatte Toulouse-Lautrec von den Pariser Plakatdruckern übernommen.(2)
Eine rasche Verbreitung seiner Kunst war durch die von ihm gestalteten Plakate gegeben, die Veranstaltungen des Moulin Rouge und anderer Pariser Nachtlokale ankündigten. Im Stil von Tuschpinselzeichnungen ausgeführt, nahmen sie Einflüsse des damals so beliebten Japonismus auf, auf den auch der ungewöhnliche Bildausschnitt sowie die schräge Anordnung der Bildebenen hinweisen. Henri de Toulouse-Lautrecs Grafiken können als frühe Wegbereiter des Expressionismus gesehen werden.

La Belle Époque
Paris war zur Zeit Toulouse-Lautrecs und Edgar Degas eine faszinierende Metropole. Die Stadt atmete la belle époque (1890–1914) – eine positive, optimistische Weltsicht, die sich in der umfassenden Modernisierung der Technik und Wohnkultur sowie in der überbordenden Raffinesse manifestierte. Die Belle Époque machte zudem auch vor dem gesellschaftlichen Leben nicht Halt. Der Fortschrittsgedanke war überall in der Stadt präsent. Am 19. Juli 1900 wurde die Métrolinie 1 eröffnet, die über eine Länge von ca. 11 km von der Porte de Vincennes zur Porte Maillot führte. Hector Guimard gestaltete die Eingänge im Stil des Art Nouveau mit floralem Dekor. Ein fulminanter Ausdruck der Belle Époque ist auch die Pariser Oper, ein Bau von Charles Garnier – pompös, luxuriös und mit der ersten elektrischen Bühnenbeleuchtung ausgestattet. Die Brüder Auguste und Louis Lumière präsentierten 1895 den ersten mit einem Kinematografen gedrehten Film. Der Bau des Eiffelturms, ein Monument neuerprobter statischer Erkenntnisse, versetzte die ganze Stadt in Aufregung. Die Abschlüsse ungezählter Versicherungspolizzen dokumentieren die Angst der Pariser vor dem Einsturz dieses riesigen Monsters aus Stahl, das zum Sujet der jungen Künstlergeneration, der u. a. Delaunay und Léger angehörten, avancierte. Am Montmartre, dem beliebten Ausflugsort der Pariser, drehten sich zu dieser Zeit nicht nur die Flügeln der Windmühlen, sondern auch die des damals neu eröffneten berühmten Kabaretts Moulin Rouge, in dem der Nachtmensch Henri de Toulouse-Lautrec Stammgast war.

Biografie
Henri Marie Raymond de Toulouse Lautrec Monfa wurde am 24. November 1864 im mittelalterlichen Hôtel du Bosc in Albi (Südfrankreich) geboren. Sein Vater, Alphonse Charles Jean Marie de Toulouse Lautrec Monfa, hatte, in Fortsetzung einer fatalen familienpolitischen Tradition, seine Cousine Adèle Zoe Marie Marquette Tapié de Céleyran geheiratet. Die Verbindung stand unter keinem glücklichen Stern und als Henris um drei Jahre jüngerer Bruder schon als Kleinkind starb, gingen die Eheleute endgültig ihre eigenen Wege. Zwei Oberschenkelbrüche in jungen Jahren und eine durch die nahe Blutsverwandtschaft der Eltern bedingte Knochenkrankheit waren unter anderem Ursache für das stark verminderte Wachstum des Knaben. Im Alter von 15 Jahren musste sich Henri damit abfinden, als nur 1,52 m großer körperlich Behinderter auf die seinem adeligen Stand entsprechende Lebensweise zu verzichten. So verbrachte er seine Zeit zunächst als Autodidakt zeichnend und malend. 1893 ging er nach Paris, um bei den Salonmalern Léon Bonnat und Fernand Cormon Malerei zu studieren und die Stadt wurde ihm zum Schicksal.
Toulouse-Lautrec wohnte anfangs in der Rue Fontaine, gegenüber von Degas’ Atelier, inmitten des Vergnügungsviertels am Montmartre. Die Bordelle, Bars, Varietés und Kabaretts wurden sein zweites Wohnzimmer. Im Chat Noir, im Elysée Montmartre und im 1885 neu eröffneten Kabarett des Chansonniers Aristide Bruant Le Mirliton fühlte sich Monsieur Kaffeekanne mitten im Rummel der ausgelassenen Pariser, denen nichts heilig ist, besonders wohl. Es wurde getanzt, gesungen, getrunken – Wein, Champagner, Absinth.
Die Kritiker waren die Ersten, die das Augenmerk der Pariser auf die ungewohnten, provokanten und gesellschaftskritischen Bilder des gebürtigen Südfranzosen lenkten. Sie verschafften ihm bald den Durchbruch zum gefeierten Künstler des Montmartre. Zwischen 1892 und 1896 folgten zahlreiche Ausstellungen seiner Gemälde, Zeichnungen und Lithografien im In- und Ausland.
Der körperliche und geistige Verfall des großen Genies trat nach 1897 immer stärker zutage. Übermäßiger Genuss von Absinth sowie eine Erkrankung an Syphilis wurden ihm letztendlich zum Verhängnis. Angstneurosen, Wutausbrüche, tiefe Depressionen und Wahnvorstellungen wechselten einander ab und zehrten zusehends an Toulouse-Lautrecs Kräften. Um 1900 war sein Lebenswille gebrochen und die Arbeit ging ihm kaum mehr von der Hand. Nach Erholungsaufenthalten an der Atlantikküste und einer Überwinterung in Bordeaux kam der Künstler nur für kurze Zeit nach Paris zurück. Im Sommer 1901 kehrte er der Stadt für immer den Rücken und verbrachte seine letzten Monate, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, bei seiner Mutter auf Schloss Malromé südöstlich von Bordeaux. Dort starb Henri, der letzte Nachkomme der jüngeren Linie der Grafen Toulouse-Lautrec-Monfa, am 9. September 1901 im Alter von 36 Jahren.

Japonismus
Unter Japonismus versteht man das stark ausgeprägte Interesse an japanischer Kultur und deren Einflussnahme auf Kunst und Kunsthandwerk in Europa in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Japonismus wurde durch die Weltausstellungen in Paris (1855, 1867, 1878) und London (1862) gefördert. Kennzeichen des Japonismus in der Grafik sind u. a. ungewöhnliche Bildräume und -ausschnitte und flächige, vereinfachte Formen, zu denen sich europäische Künstler wie Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Henri de Toulouse-Lautrec durch japanische Holzschnitte des Hokusai und Hiroshige inspirieren ließen.

Provenienz
Die Lithografie La Spectatrice wurde von einem Pariser Antiquariat im Februar 1993 erworben.

Verwendete Literatur
Henri de Toulouse-Lautrec. Druckgraphik aus dem Besitz des Sprengel Museum Hannover. Hannover 26.10.1997–15.2.1998, Ausstellungskatalog, Sprengel Museum Hannover, Hannover 1997.

Wolfgang Holler, Petra Kuhlmann-Hodick (Hg.), Henri de Toulouse-Lautrec. Noblesse des Gewöhnlichen, Ausstellungskatalog, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen, Dresden, Altana Kulturforum, Bad Homburg, Tiroler Landesmuseum, Innsbruck, Dresden 2005.

Wolfgang Wittrock (Hg.), Toulouse-Lautrec. Catalogue complet des estampes, 2 Bde., Paris 1985.

Fußnoten
1 Vgl. Wolfgang Holler, „Getanztes Licht – Miss Loie Fuller und andere. Zum graphischen Stil in den Lithographien Henri de Toulouse-Lautrecs“, in: Wolfgang Holler, Petra Kuhlmann-Hodick (Hg.), Henri de Toulouse-Lautrec. Noblesse des Gewöhnlichen, Ausstellungskatalog, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen, Dresden, Altana Kulturforum, Bad Homburg, Tiroler Landesmuseum, Innsbruck, Dresden 2005, S. 57.
2   Vgl. Griffiths Antony, „Les estampes de Toulouse-Lautrec“, in: Wolfgang Wittrock (Hg.), Toulouse-Lautrec. Catalogue complet des estampes, 2 Bde., Paris 1985, S. 35ff.