Eduardo Paolozzi

G 8234

BRUKNER PROJECT [1] – LINZ, 1977
Grafit auf Papier
Schenkung des Künstlers

Auf der Zeichnung Brukner Project – Linz sieht man ein blockartiges Gebilde, das sich in den Bildraum hinein verkürzt. Die unruhige Umrisslinie des riegelförmigen Gegenstandes weist zahlreiche Vor- und Rücksprünge auf. Er ähnelt einem großen Puzzleteil oder einem industriell fabrizierten Werkblock. Dahinter deuten parallel geführte Linien den Donaustrom an, über den sich die Linzer VOEST-Brücke spannt.

Brukner Project – Linz wurde bereits 1977 in der Münchner Galerie Renate Fassbender ausgestellt. Wie aus dem Ausstellungskatalog[2] hervorgeht, fertigte Paolozzi weitere fünf Zeichnungen dieses Sujets aus unterschiedlichen Perspektiven in Vorbereitung einer großformatigen Plastik an. Die mit Hommage à Anton Bruckner betitelte Gusseisenplastik entstand 1977 für das Projekt Forum Metall im Linzer Donaupark. Die Initiatoren dieser Freilichtausstellung, die anlässlich des 3. Brucknerfestes entwickelt wurde, waren Helmuth Gsöllpointner, Rektor der Linzer Kunsthochschule, und Peter Baum, Direktor der Neuen Galerie der Stadt Linz.

Bereits in den späten 1940er-Jahren sammelte Eduardo Paolozzi Zeitungsausschnitte, die die aufkommende Konsumorientierung und die Technik- und Maschinenbegeisterung der westlichen Gesellschaft dokumentierten. Im Sommer 1952 veranstaltete er im Institute for Contemporary Arts in London einen Lichtbildervortrag mit „Covers von Illustrierten oder Science-Fiction-Heften, Mickey Mouse und Roboter, Auto- und Cola-Anzeigen, Krawatten- und Konservenreklame, posierende[n] Stars und Starlets, Monster[n] und Affen, Technik und Träume[n], Werbung und Kitsch“[3]. Paolozzis Diashow nahm thematisch gesehen die berühmte, 1956 in der Whitechapel Gallery abgehaltene Ausstellung This is Tomorrow vorweg. Diese epochale Schau gilt auch heute noch als Startschuss der britischen Pop-Art[4], zu deren wichtigsten Gründern Paolozzi als Mitglied der renommierten Independent Group zählt.

Das Holzmodell und seine Vorlage

Hommage à Anton Bruckner, Holzmodell 1:10, 1977, Foto: Josef Pausch, Archiv des LENTOS Kunstmuseum Linz

Seine in Linz entstandene Hommage à Anton Bruckner versteht sich als Anspielung auf das angebrochene Technik- und Industriezeitalter. Der Künstler fand aber auch Anregungen in der Natur, wo ihm die Schichtung von Gesteinsformationen besonders ins Auge stach. In der Unterwasserwelt sah Paolozzi sodann das „Vertraute […] mehr und mehr in den Hintergrund zurück[treten]“[5]. Es faszinierte ihn zu beobachten, wie die Umrisse der dinglichen Welt unter Wasser immer undeutlicher werden und letztendlich sogar ganz verschwinden. Eine Synthese unterschiedlicher Stadien der Wahrnehmung erklärte der Künstler schließlich zu seinem Ziel plastischen Gestaltens.[6] Für die Umsetzung seiner Beobachtungen aus Konsum-, Technikwelt und Natur in Kunst setzte Paolozzi bereits in den 1970er-Jahren die Gestaltungsmittel der Aufsplitterung und Schichtung von Formen ein. Er erschuf damit eine individuelle und viel beachtete Position innerhalb der westeuropäischen Bildhauerei, die ihren prominenten Nachfolger im zeitgenössischen Dekonstruktivismus fand.

 

Bodenvermessung1

Paolozzi und Gsöllpointner bei der Standortbestimmung von Hommage à Anton Bruckner, 1977, Foto: Josef Pausch, Archiv des LENTOS Kunstmuseum Linz

Paolozzi positionierte seine Hommage à Anton Bruckner eigenhändig vor dem Westflügel des Linzer Brucknerhauses. Das 1974 eröffnete Konzerthaus wendet dem Donaupark seine konvexe Glasfront zu. Die paneelartige Untergliederung der Fensterfront korreliert formal mit den sich staffelartig anhebenden und abfallenden Gusseisenbahnen von Paolozzis Plastik.

Im Jahr 1984 wurde die Hommage à Anton Bruckner, die sich damals noch im Besitz des Künstlers befand, anlässlich einer Ausstellung Paolozzis im Lenbachhaus vor der Alten Pinakothek in München aufgestellt. Wie stark das Werk inzwischen im Wert gestiegen war, zeigte sich, als Peter Baum einen Sponsor für den Ankauf der Plastik suchte. Erst zwei Jahre später hatte er die Finanzierung der Eisenplastik, die damals 36.000 £ kostete, durch die Wiener Ludwig-Stiftung sowie den kostenintensiven Rücktransport nach Linz gesichert. Die Gusseisenplastik konnte erst im Mai 1986 wieder an ihrem angestammten Platz aufgebaut werden.

Hommage vor Brucknerhaus

Hommage à Anton Bruckner vor dem Linzer Brucknerhaus,1977, Foto: Josef Pausch, Quelle: Archiv des LENTOS Kunstmuseum Linz

In Paolozzis Zeichnung Brukner Project – Linz kann man demnach mehr als nur einen Entwurf sehen. Die Unikatgrafik berührt durch die Unmittelbarkeit ihrer Künstlerhandschrift und ihre Aura des Einzigartigen. Da die Ausführung der Plastik von der VO­­­EST übernommen wurde, kommt der Zeichnung die Rolle eines eigenhändigen Künstlernachweises zu. Brukner Projekt – Linz ist somit dreierlei: eine autonome Handzeichnung, ein künstlerisches Konzept zur Vorbereitung eines Gusses sowie ein Zertifikat, das die Urheberschaft Paolozzis bekundet.

Neben Paolozzis Eisenplastik wurden 1977 auch noch andere Arbeiten international renommierter Künstler[7] im Linzer Donaupark aufgestellt. Sie waren zunächst im Besitz der jeweiligen Künstler. Manche Werke wurden im Anschluss an das forum metall von der einheimischen Wirtschaft für den Linzer Donaupark erworben. Das zunächst temporär angelegte Projekt forum metall verstand sich als Vorläufer eines Freilichtmuseums für zeitgenössische Plastiken. Die einzelnen Künstler traten als Vertreter ihrer jeweiligen Länder auf, wodurch an den Kunstbiennale-Gedanken oder an die documenta[8] angeknüpft wurde. Um die Bedeutung des forum metall in seiner internationalen Ausrichtung zu veranschaulichen, wählte Helmuth Gsöllpointner in einem 1977 gegebenen Rundfunkinterview folgende Formulierung: „Das ist so, als wenn die Liz Taylor in den Kammerspielen aufträte oder der Beckenbauer im Stadion spielte.“[9]

Independent Group
„Lockere Verbindung von Londoner Künstlern, die sich 1952–1954 im Institute of Contemporary Arts zu Diskussionen über das Thema Volkskultur, massenproduzierte Kultur wie Film, Reklame, Science-Fiction und Popmusik trafen. Ihre Ideen kamen in zwei entscheidenden Ausstellungen zum Ausdruck – Parallel of Life and Art (Institute of Contemporary Arts, 1953) und This is Tomorrow (Whitechapel Art Gallery, 1956) –, die die englische Pop Art einleiteten. Wichtige Mitglieder waren der Kritiker Lawrence Alloway sowie Richard Hamilton, Eduardo Paolozzi und William Turnbull.“[10]

Provenienz
Im Zuge der Errichtung der Skulptur Hommage à Anton Bruckner im Linzer Donaupark im Rahmen des Projektes forum metall im Jahr 1977 kam die Zeichnung in den Besitz der Neuen Galerie der Stadt Linz.

Biografie
1924: geboren in Edinburgh als Sohn italienischer Eltern
1943: Studium am Edinburgh College of Art
1944–1947: Studium an der Slade School of Fine Art in London
1944: Einziehung zum Royal Pioneer Corps und Entlassung noch im selben Jahr. Besuch der St. Martin’s School of Art in London
1947–1949: Aufenthalt in Paris; Begegnung mit Constantin Brâncuși, Tristan Tzara, Alberto Giacometti und Jean Dubuffet
1949–1955: Dozentur für Texildesign an der Central School of Art and Design in London
1952: Bunk; Projektion von Dias in der Independent Group im ICA, London
1953: Britischer Kritikerpreis
1955–1958: Dozentur an der St. Martin’s School of Art in London
1956: Auszeichnung der William and Noma Copley Foundation. Teilnahme an der Ausstellung This is Tomorrow in der Whitechapel Art Gallery in London
1960: Auszeichnung „for the best sculptor under 45“ der David E. Bright Foundation
1961: Watson-F.-Blair-Preis auf der 64th Annual American Exhibition of Chicago
1960 –1962: Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg
1967: Erster Preis für Skulptur bei der Carnegie International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture in Pittsburgh
1968: Gastdozentur an der University of California in Berkeley. Dozentur in der Keramikabteilung des Royal College of Art in London
1974: Aufenthalt in Berlin, im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD
1976: Gastprofessur an der Fachhochschule Köln
1977: Auftrag für Hommage à Anton Bruckner für die Ausstellung forum metall in Linz. Ausstellung von Paolozzis Grafiken in der Linzer Galerie MAERZ
1977–1981: Professur für Keramik an der Fachhochschule Köln
1979: Gestaltung eines Wandreliefs in Mönchengladbach. Mitgliedschaft in der Royal Academy, London
1981: Professur für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in München
1981/82: Professur für die Meisterklasse an der Internationalen Sommerakademie für bildende Künste, Salzburg
1986: Installation des Holzreliefs On this Island im Elizabeth-II-Konferenzzentrum, Westminster, London
1989: Königin Elisabeth II. von Großbritannien ernennt Paolozzi zum Ritter (Knight Commander)
1991: The Manuscript of Monte Cassino, Bronze, Picardy Place, Edinburgh
1994: Paolozzi übergibt einen Großteil seines Werks der Scottish National Gallery
1994–1997: Bronzestatue Newton After Blake, Aufstellung vor der British Library, London
1999: Eröffnung der Dean Gallery in Edinburgh, in der Paolozzis Sammlung sowie eine Nachbildung seines Ateliers zu sehen sind
2001: Paolozzi erleidet einen beinahe tödlichen Gehirnschlag, der ihn an den Rollstuhl fesselt
2002: Installation von drei nach seinen Töchtern benannten Glasfenstern und einer Glasrosette in der St. Mary’s Cathedral in Edinburgh
2004: Retrospektive in der Dean Gallery, Edinburgh
2005: gestorben in einem Londoner Krankenhaus

Literatur

Peter Baum, Forum Metall Linz, Linz 1978.

Eduardo Paolozzi, Ausstellungskatalog, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1974.

Eduardo Paolozzi. Holzreliefs, Zeichnungen, Prägedrucke, Holzstiche 1977, Ausstellungskatalog, Galerie Renate Fassbender, München 1977.

Eduardo Paolozzi. Wiederkehr der Themen, Ausstellungskatalog, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, Museum Ludwig, Köln, München 1985.

 Fußnoten:
[1] Der Künstler Eduardo Paolozzi betitelte die Zeichnung mit Brukner Project ‒ Linz, deshalb wurde diese Schreibweise beibehalten. Paolozzi bezog sich aber dessen ungeachtet auf den berühmten oberösterreichischen Komponisten Anton Bruckner (1824-1896).
[2] Vgl. Eduardo Paolozzi. Holzreliefs, Zeichnungen, Prägedrucke, Holzstiche 1977, Ausstellungskatalog, Galerie Renate Fassbender, München 1977.
[3] Wieland Schmid, „Bunk, Bash, Pop – die Graphik von Eduardo Paolozzi“, in: Eduardo Paolozzi, Ausstellungskatalog, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1974, S. 19–21, hier S. 19.
[4] Vgl. Barbara Hess, „Pop Art“, in: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, hg. v. Hubertus Butin, Köln 2002, S. 245–250, hier S. 246–247.
[5] Diane Kirkpatrick, „Zehn Fragen an Eduardo Paolozzi“, in: Ambit, Nr. 51, London 1972, zitiert nach: Eduardo Paolozzi, Ausstellungskatalog, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1974, S. 46.
[6] Vgl. ebd.
[7] Weitere Teilnehmer des forum metall: Herbert Bayer, Max Bill, Mathias Goeritz, Haus-Rucker-Co, Erwin Heerich, Donald Judd, Piotr Kowalski, Bernhard Luginbühl, David Rabinowitch, Günther Uecker, Erwin Reiter und Klaus Rinke.
[8] Reinhold Tauber, „Der Paukenschlag“, in: OÖ Nachrichten, 13.9.1977. Tauber bezeichnete das forum metall als „Klein-Kassel“.
[9] OÖ. Nachrichten, 27.8.1977 in der Rubrik wie man hört, o. S.
[10] DuMonts Kunstlexikon des 20. Jahrhunderts – Künstler, Stile und Begriffe, hg. v. Karin Thomas. Köln 2000, S. 191.