Leo Zogmayer

Zogmayer, G 6231

Ohne Titel, 1990
Aquatintaradierung auf grauem Büttenpapier, 80 x 118,5 cm

In der großformatigen Aquatintaradierung erkennen wir eine konzentrische Lineatur, die dem Schnitt durch einen Baumstamm ähnelt. Aus dem Untergrund dieser kreisförmigen Bewegungsnotation dringt eine scheibenförmige Farbfläche empor. Die scharf geschnittenen horizontalen Linien des oberen und unteren Bildrandes drücken heftig gegen die dunkle Farbfläche und beschränken ihre visuelle Gestalt. Die so entstehende Überschneidung besitzt eine enorme Sprengkraft. Die Farbscheibe erhält durch ihre unruhige Konturlinie zusätzlich viel Lebendigkeit, als seien Spuren archaischer Riten auf das graue Papier gebannt. Die freihändig gezogenen Kreislinien nehmen ihrerseits zur Mitte hin an Intensität zu und bilden dort eine dicht strukturierte Dunkelheit aus. Sie sind mit dem Lauf eines Kreisels vergleichbar. Der Blick des Betrachters fokussiert auf die Mitte. Eine Sogwirkung stellt sich ein: Wir starren gebannt auf eine geballte Masse der Dunkelheit.

Jede kreisrunde Lineatur birgt grundsätzlich den Anspruch auf Ewigkeit in sich, da sie ohne Anfang und ohne Ende ist. Verfolgen wir jedoch das Linienkonstrukt Zogmayers mit den Augen, so können wir sehr gut erkennen, wo es beginnt, wo es endet und mit welch unglaublicher Rasanz sich der schwarze Strich in seiner kreisrunden Bewegung gegen die Mitte hin beschleunigt. Unser Blick folgt gleichsam hypnotisch dem Drall in die Bildtiefe, wird aber zunächst durch die unruhig ausufernde Konturlinie des grauen Scheibengrundes unsanft in die Bildfläche zurückkatapultiert. In der Nabe der Kreislineatur ist es hingegen ganz ruhig, dort löst sich das Flirren der Linien auf, dort hebt sich der Anspruch auf Zeitverlauf auf.

So stehen nun der Ewigkeitsanspruch des konzentrischen Mittelpunktes und die zeitimmanente Dynamik, die von dem Kreisen der Lineatur und dem ausgefransten Scheibengrund ausgeht, in regem Widerspruch zueinander. Es ist ein Kräftemessen, ein Ringen um die visuelle Aufmerksamkeit, das sich Figur und Grund – oder, genereller gesehen, Zeichnung und Malerei – hier liefern. Das dynamische Streben beider hebt sich jedoch in der Schwärze der Bildnabe auf, denn die Farbe Schwarz zieht sich, wahrnehmungspsychologisch gesehen, vom Betrachter in die Tiefe des Bildraums zurück. Dorthin wandert nun auch der Blick des Betrachters. Er kommt von den Reminiszenzen einer archaischen Handlung, die sich in der tachistisch gemalten Flächenform zeigen, und wird von der kurvilinearen Bildfigur sogförmig in die Tiefe des Bildraums gezogen, wo das Auge letztendlich in die Sphären des dunklen Nichts eindringt. „Das Objekt scheint sich selbst aufzulösen, um seine Materialität zu überwinden und um eine archetypische Dimension der Form zu erobern.“[1]

Neoexpressionismus
Richtung in der zeitgenössischen Malerei und Plastik, deren kraftvoll gestaltete Handschrift und malerische Vitalität auf den deutschen Expressionismus zurückweisen. Charakteristisch ist eine freie Figuration, die häufig mit chiffrenhaften Gestalten arbeitet. Begrifflich sind die Grenzen zwischen Neoexpressionismus und Neuen Wilden fließend. So wurden Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz und A. R. Penck häufig auch als Neue Wilde bezeichnet. Demgegenüber entwickelten Asger Jorn, Karel Appel und andere Mitglieder der Gruppe COBRA eine schon Anfang der 1960er-Jahre im Wesentlichen abgeschlossene Spielart des Neoexpressionismus.[2]

Biografie
1949: am 28. Februar in Krems geboren
1968–1975: Lehrer an verschiedenen Schulen in NÖ, zuletzt Kunsterzieher in Krems
1972–1975: Besuch der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg
1975–1980: Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Meisterklasse Herbert Tasquil
Zogmayers frühes künstlerisches Schaffen gilt vor allem der Grafik. Es entstehen Federzeichnungen, Radierungen und Lithografien. Neben Abstraktionen schafft er Landschaftsstudien und Stillleben sowie Objekte aus Holz und Metall, wobei in den ersten Jahren die Landschaftsdarstellungen dominieren. Später gewinnt er die Malerei als neues Medium hinzu. Wird Farbe zunächst als eine Verkomplizierung der künstlerischen Komposition abgelehnt, so wird sie bald fester Bestandteil des formalen Vokabulars.
1978: Einrichtung eines Kupferdruckateliers in Krems-Stein
1978–1981: Reisen nach Rom, Venedig, London, Dalmatien, Umbrien, Apulien
1981: Lehramtsprüfung für bildnerische Erziehung und Werkerziehung
1983: Anerkennungspreis für bildende Kunst des Landes NÖ
1984: Parisaufenthalt. Zogmayer beginnt eine rege internationale Ausstellungstätigkeit. Es folgen Studienreisen und Auslandsaufenthalte in Italien, Frankreich, Großbritannien, in den USA und in Japan
1985: Theodor-Körner-Preis
1986: Neuchâtel, Musée d’art et d’histoire
1986: Ratingen, Stadtmuseum
1986: Utrecht, Hedendaagse Kunst
1987: Berlin, Galerie Wewerka
1988: Köln, Kunst-Station St. Peter
Ende der 1980er-Jahre findet ein radikaler Wechsel statt. 1989 ist Zogmayers Malerei beinahe monochrom geworden. Die Bilder werden immer großformatiger, entwachsen langsam ihrer klassischen Form und dehnen sich zu monumentalen Bildskulpturen aus. Mit dem Beginn der 1990er-Jahre verdichten sich Zogmayers Erzählungen zu ikonenhaften Raum- und Wandobjekten aus Holz, Bronze und Stuck. Malerei und Plastik gehen eine Mischform ein. Eine große Übersichtsschau im Museum moderner Kunst im Palais Liechtenstein, danach im Folkwang Museum in Essen gezeigt, würdigt diese radikal neuen Ansätze.
1991: Brüssel, Galerie Rodolphe Janssen
1991: Madrid, Galeria Juana Mordó
1991: Salzburg, Rupertinum
1991: Wien, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
1991: Budapest, Vigadó Galéria
1991: Essen, Museum Folkwang
Das formale Konzept der seit 1993 entstehenden Wandarbeiten und Objekte folgt klaren stereometrischen Grundformen. Neben Quadern aus Acrylglas und Eisen entstehen Wandarbeiten aus monochromem Acryl. 1998 werden diese letzten Arbeiten im Kunstverein Klagenfurt und im Künstlerhaus Wien gezeigt.[3]
1993: La Colle-sur-Loup, Evelyne Canus Art Contemporain
1994: Krems, Kunsthalle Krems; München, Galerie an der Finkenstraße
1996: Rom, Galleria ES Architetture;Turin, Galleria The Box Associati
1998: Klagenfurt, Künstlerhaus, Anikon
Zogmayer beschäftigt sich in den folgenden Jahren intensiv mit Textstrukturen und Hinterglasarbeiten. Sein Œuvre verdichtet sich zu einem Zeichensystem von Schriftkürzeln und Formpartituren.
2000: Bratislava, Galéria Médium, Akademie der bildenden Künste, Raum Farbe Text
2000: Frankfurt am Main, Dommuseum,
FEIND BILD
2000: Passau, Museum Moderner Kunst,
Raum Farbe Text
2000: Köln, Galerie Stracke,
Anikon
2001: Marburg, Kunstverein, Kein Bild
2002: Oviedo, Galería Vértice
2003: Basel, Galerie von Bartha, schön
2004: Helsingborg, Galerie Carin Hjärne
2006: Krems, Kunsthalle, schön
2006: Freising, Diösezanmuseum,
Wort-Ding-Bild
2007 Wien, hilger contemporary,
Is your journey really necessary? (I)
2008: Genf, Galerie Rosa Turetsky und pieceunic art contemporain, WHY CHINA (I)
2008: Oviedo, Galería Vértice, Is your journey really necessary? (II)
2009: Saalfelden, Kunsthaus NEXUS, WHY CHINA (II)
2009: Is your journey really necessary?, Textprojektion an der Außenfassade des mumok Wien
2010 Wien, Ortner 2, IT IS SIMPLE
2011 München, Katholische Akademie, If you celebrate it (I)
2011: Partituren, vier Betonskulpturen für das Palais Rasumofsky, Wien
2011: Kartographien, 23 Hinterglasbilder für das NÖ Haus Krems

Provenienz
Die großformatige Druckgrafik wurde im April 1993 in einer Wiener Galerie gekauft. 

Literatur
Leo Zogmayer, Monografie und Ausstellungskatalog, Kunsthalle Krems, Klagenfurt 1996.
Leo Zogmayer, Ausstellungskatalog, Galerie Rosa Turetsky, Genf u. a., Wien 1993.
Kunst und Virtual Reality. Bilder aus der Sammlung der Bank Austria, Ausstellungskatalog, Wien 1998.



[1]Lorand Hegyi, „Ambivalenz des Raumes“, in: Leo Zogmayer, Ausstellungskatalog, Galerie Rosa Turetsky, Genf u. a., Wien 1993, S. 7- 8, hier S. 8.
[2]Der Brockhaus. Kunst, 2., völlig neu bearb. Aufl., hg. v. d. Lexikonredaktion des Verlags F. A. Brockhaus, Mannheim, Leipzig 2001, S. 808.
[3] Kunst und Virtual Reality. Bilder aus der Sammlung der Bank Austria, Ausstellungskatalog, Wien 1998, S. 186.